Ein Augenzeugenbericht zum Tunguska Ereignis von 1908 (kommentiert).

Ewenken, das sind die Nomaden die in der Tunguska leben, haben die Explosion aus nächster Nähe erlebt und hier beschrieben.

Hinweis: Eigene Kommentare stehen [kursiv in eckigen Klammern].

Unweit von Wanowara machte Suslow die Jurte des Ewenken llja Potapowitsch (Ljutschetkan) aus, in dessen Familie die Witwe seines Bruders, Akulina, lebte. Zum Zeitpunkt der Tunguska-Katastrophe befand sich Akulina mit zwei weiteren Ewenken dem Epizentrum am nächsten und wurde so Augenzeuge der ungewöhnlichen Erscheinung. Was sie I. M. Suslow mitteilte, ist höchst interessant:

"Wir waren zu dritt in der Jurte - mein Mann Iwan und ich sowie der alte Wassili, der Sohn von Ochtschen. Plötzlich stieß jemand heftig gegen die Jurte. Ich erschrak, schrie auf und weckte Iwan auf. Wir krochen aus dem Schlafsack hervor. Wir sahen, daß auch Wassili herauskroch. Iwan und ich kamen nicht dazu, ganz herauszukriechen und uns aufzurichten, als irgendjemand unsere Jurte wieder heftig anstieß und wir auf die Erde fielen. Auch der alte Wassili fiel auf uns, als habe ihn jemand umgestoßen. [Überschall - Druckwellen des TK beim Überflug]

Um uns war ein Lärmen, irgendjemand donnerte und hieb [Überschall Knall] auf den Alljun, den Bezug der Jurte aus Wildleder. Plötzlich wurde es ganz hell, auf uns schien eine grelle Sonne [Feuersäule, Lichtblitz] und es blies ein scharfer Wind. Dann schoß jemand laut, so als würde das Wintereis auf der Chatanga (Chatanga = Tunguska, Fluss in Sibirien) bersten [Explosions-Druckwelle].

Und auf einmal kam Utschir, der Geistertänzer, geflogen, ergriff den Alljun, knüllte und drehte ihn zusammen und trug ihn irgendwohin. Nur die Djutschka, das Gerüst der Jurte aus 30 Stangen, blieb übrig. Ich erschrak sehr und fiel um. Ich wurde ohnmächtig und sah, wie der Utschir (Wirbelsturm) tanzte. Ich schrie und kam dann zu mir. Utschir schmiß die Djutschka auf mich und verletzte mir mit einer Stange das Bein. Ich kroch unter den Stangen hervor und begann zu weinen. Die Kiste mit dem Geschirr wurde aus der Jurte geworfen und war weit geöffnet, viele Tassen sind zerbrochen [Explosions-Druckwelle].

Ich schaute nach unserem Wald und sah ihn nicht mehr. Viele Bäume waren ohne Blättern und viele Bäume lagen am Boden. Am Boden brannten trockene Gehölze, Äste und Rentiermoos. Ich sah, daß sogar die Kleidung brannte [Die Wirkung der Sofortkernstrahlung], lief hin und sah, daß es unsere Hasenfelldecke und unser Pelzschlafsack waren, in dem ich mit Iwan geschlafen hatte. Dann bin ich Iwan und den alten Wassili suchen gegangen. Da erblickte ich, wie irgendetwas auf dem Ast einer ganz kahlen Lärche hängt. Ich bin hin und habe es mit einem Stock heruntergeholt. Es waren unsere erjagten Pelze, die vorher zusammengebunden am Gestänge in der Jurte hingen. Die Füchse waren verbrannt, der Hermelin war gelb und schmutzig geworden und mit Asche bedeckt. Viele Felle waren zusammengezogen und ausgetrocknet [Die Wirkung der Sofortkernstrahlung]. Ich nahm die Pelze, weinte laut und ging meine Männer suchen. Am Boden brannte das trockene Holz weiter, das Rentiermoos brannte und rings um mich waren Rauch und Qualm. Plötzlich hörte ich jemanden stöhnen. Ich lief der Stimme nach und sah Iwan. Er lag am Boden zwischen dem Geäst eines großen Baumes. Der Stamm hatte seinen Arm gebrochen, der Knochen hatte das Hemd durchstoßen und stand hervor, Blut rann hinab. Da fiel ich wieder um und wurde ohnmächtig. Als ich wieder zu mir kam, wachte auch Iwan auf, stöhnte lauter und begann auch zu weinen. Utschir [Die Druckwelle] hatte Iwan fast umgeworfen. Wenn man zehn Jurten hintereinander aufstellen würde, so fiel er hinter der letzten nieder, ganz nahe an der Stelle, wo ich die Felle vom Ast geholt hatte...

Iwan umschlang meinen Hals mit der gesunden Hand und ich zog ihn hervor. Wir gingen zur Diljuschma, zu unserer Jurte, wo im Kornspeicher zwei Felle von Geweihträgern, ein Sack Mehl und Netze waren. Die Jurte stand am Ufer der Diljuschma und der Kornspeicher war in der Nähe der Jurte gegenüber dem Sonnenuntergang gelegen. Plötzlich klang es, als würde jemand schreien. Da sahen wir unseren Wassili. Er war unter die Wurzel einer umgefallenen alten Lärche gekrochen und hatte sich dort versteckt. Ich war sehr müde, vertraute Iwan dem Alten an und trug selbst nur die verbrannten Felle. Das Laufen fiel uns immer schwerer, denn da war sehr viel Bruchholz. Plötzlich sahen wir am Boden behauene Stämme und unter ihnen Rentierfelle. Die Felle waren verbrannt, die Häute zusammengezogen und angesengt. Anstelle der Netze sahen wir einen Haufen kleiner Steine, das sogenannte Angelblei. Die Roßhaarnetze waren verbrannt. Die Balken waren verbrannt und verkohlt.

Anstelle des Sackes Mehl fanden wir einen schwarzen Klumpen. Ich stieß mit dem Stock hinein und der Klumpen zerfiel zu Kohle. In der Mitte fand ich noch ein wenig Mehl und wickelte es in Wassilis Hemd. So war unser Kornspeicher verschwunden. Wir ruhten uns ein wenig aus und gingen unsere Jurte suchen. Dann kamen wir zur der Stelle, wo unsere Jurte stand. Die Stangen lagen am Boden, eine große Lärche war auf sie gefallen. Sie zeigte sich auch als sehr verbrannt. Ich zerhackte sie mit dem Beil und zog sie auf die Seite. Wir fanden unter ihr unsere Kupferkessel, in dem noch viel Fleisch vom Vortag war. Eine helle Sommernacht brach an. Das Feuer ließ nach, und an die Stelle der Hitze trat die Kälte. Wir beschlossen zur Chatanga zu gehen. Als wir zum Flüßchen Tschambe kamen, waren wir schon sehr ermüdet. Rings um uns sahen wir eine schreckliche Erscheinung. Das war irgendwie nicht mehr unser Wald. Ich hatte noch nie einen solchen Wald gesehen. Er schien irgendwie fremd. Wir hatten einen dichten, dunklen, alten Wald. Aber jetzt gab es an vielen Stellen überhaupt keinen Wald. Auf den Bergen lagen alle Bäume umgebrochen und es war hell. Man konnte weit sehen. Und am Fuße der Berge konnte man nicht durch den Sumpf gehen [Der Sumpf ist die Folge des durch die Hitze aufgetauten Dauerfrostbodens der Taiga]. Manche Bäume standen, andere lagen, wieder andere neigten sich und einige waren sogar übereinandergefallen. Viele Bäume waren angebrannt, vertrocknet und das Moos brannte und qualmte noch. Als wir an die Chatanga kamen, trafen wir auf Ljutschetkan."


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