Ballistik und Physik des Tunguska-Körpers

Der Physiker Solotow analysiert den Explosionsmechanismus und trägt die Fakten zusammen. Sehr ausführlicher Artikel von Felix Siegel.

Obwohl seit der Tunguska-Explosion über siebzig Jahre vergangen sind, ist die Beschaffenheit des Körpers, der die Explosion auslöste, nach wie vor ungeklärt. Die jahrelangen, zum Teil sehr aufwendigen Untersuchungen eines großen Forscherkollektivs im Explosionsgebiet ergaben ein überaus kompliziertes Bild, das bisher noch keine eindeutige theoretische Interpretation gefunden hat. Aber es konnten viele übereilte, nicht durchdachte und häufig pseudosensationelle Hypothesen ausgeschlossen werden, so z.B. die Hypothese über ein "schwarzes Mikroloch", mit denen das umfangreiche, von den Expeditionen zusammengetragene Fakten material nicht erklärt werden konnte. Heute muß jede Hypothese, die auf eine Erklärung des Tunguska-Phänomens Anspruch erhebt, mit einer Reihe grundlegender, feststehender Fakten rechnen. Sonst riskiert sie als rein spekulativ, in keiner Beziehung zur Sache stehend abgetan zu werden. Worin bestehen nun diese zweifelsfreien Fakten oder, mit anderen Worten, welches sind die Hauptparameter der Tunguska-Explosion?. Vor allem gehört zu diesen Kenngrößen der geringe Neigungswinkel der Flugbahn des Tunguska-Körpers in der Atmosphäre.

In einigen Arbeiten zur physikalischen Beschaffenheit des Tunguska-Körpers nehmen die Verfasser für die Neigung "i" seiner Flugbahn in der Atmosphäre unterschiedliche und mitunter durch nichts begründete Werte an. Dabei kann dieser Winkel nach den Angaben von Augenzeugen, die den Tunguska-Körper östlich vom Epizentrum beobachtet haben, als ziemlich feststehend bestimmt werden /1/,/2/,/9/. Sie beobachteten den kosmischen Körper und seine Staubspur. Sie hörten den Schall beim Überflug des Tunguska-Körpers. Alle diese Fakten erlauben es, zumindest die obere Grenze des Winkels "i" hinreichend genau zu ermitteln. Nach Angaben von Prerover zu fotografisch festgehaltenen Boliden (McCroscy, Posen, "Bericht Nr.273 des Smithsoner Astrophysikalischen Observatoriums", 1968) beträgt die Höhe des Erscheinens von 29 nächtlichen Boliden nicht mehr als 100 km. Die Verteilung der Boliden hinsichtlich der Erscheinungshöhe ist in Tabelle 1 dargestellt.

Tabelle 1

Höhe in km 50-55 55-60 60-65 65-70 70-75 75-80 80-85 85-90 90-95 95-100
Anzahl der Boliden 1 1 2 5 6 5 4 1 3 1

Diesen Angaben nach entfällt das Maximum in der Verteilung auf die Höhe zwischen 70 und 75 km. Nach Angaben von B.Ju. Lewin /10/und A. N. Simonenko /3/ liegt die typische Höhe der Erscheinung von gesichteten nächtlichen Boliden bei ca. 60 km. Für am Tage gesichtete Boliden, besonders extrem helle wie der Tunguska-Körper, übersteigt diese Höhe wohl kaum 50 km. Somit kann angenommen werden, daß die Erscheinungshöhe des Tunguska-Boliden zwischen 50 und 70 km lag. Der Flug des Tunguska-Körpers wurde auf einem sehr großen Territorium beobachtet, insbesondere an der Lena in den Siedlungen Slonzowo, Trebeni, Kondraschino und Podwoloschino /3/, die 490 km vom Epizentrum entfernt lagen. Gemäß den Erinnerungen von M. P. Troinina aus Podwoloschino "flog etwas wie ein Garbenbündel über den Himmel, nur größer, und hinten waren Funken erkennbar. Es flog hoch, aber tiefer als die Wolken. Es war nicht sehr grell, man konnte es mit bloßem Auge erkennen." Eine Einwohnerin von Kondraschino sah diese Erscheinung "wie ein Faß, das zu den Rändern hin enger, in der Mitte breiter und von grüner Farbe geflogen kam. Es fiel hinter dem Zimbalifelsen zur Erde". Sehr interessant sind die Aussagen von W. I. Jarigina, die 1908 im Dorf Olonzowo lebte. Sie berichtete folgendes: "Wir sind an jenem Tag aufs Feld gefahren. Zuerst hörten wir ein lautes Donnern, so daß die Pferde stehen blieben. Wir sahen am Himmel etwas Schwarzes und dahinter einen Feuerschweif. Dieser Feuerkörper flog von Süd nach Nord." Da der Flug des Boliden "hoch war", was aus den Beschreibungen der Zeugen ersichtlich ist, nehmen wir an, daß die Winkelhöhe der Erscheinung des kosmischen Flugkörpers mindestens 45° betrug. Wir bezeichnen Hmin=50 km und Hmax=70 km als äußerste Höhen, in denen der Tunguska-Körper zu leuchten begann und nehmen an, daß der Körper selbst in Richtung des Epizentrums beobachtet wurde. Dann erhalten wir als Lösung mit Hilfe des rechtwinkligen Dreiecks entsprechend i=7° und i=14°.

Diese Schlußfolgerungen von einem kleinen Neigungswinkel werden auch durch die akustischen Beobachtungen von W. I. Jargin und anderen bestätigt. Da Schallwellen eines Boliden nur entstehen können, wenn er nicht höher als 50 km fliegt, so ist auch danach i=7°. Nach neueren Angaben von Beobachtern aus Gebieten der Lena /9/, ergibt sich, daß bei Hmin=50 km i=5° und bei Hmax=100km i=10° waren.

Wenden wir uns jetzt der Zeugengruppe aus dem Raum Preobrashenka (350 km vom Epizentrum entfernt) und den benach barten Dörfern Werchnaja Kalinina, Moga, Jurjewo, Bokowkowo u.a. zu. Einige Augenzeugen, wie K. Je. Jurjew, berichteten, daß der Tunguska-Körper über Preobrashenka oder dem Nachbardorf Werchnaja Kalinina flog (I. A. Bokowikow). Wie W. I. Zwetkow und A. P. Bojarkina /2/feststellten, haben viele Augenzeuge den Boliden "hoch über ihrem Kopf" gesehen, wobei sie sich alle weiter als 300 km vom Epizentrum entfernt aufhielten.

Wird, daß der Tunguska-Körper tatsächlich über Preobrashenka und dem Umfeld hinwegflog, so ergibt sich, daß imin=8° und imax=11° ist. Diese Ergebnisse stimmen nicht nur sehr gut mit max den Angaben der Beobachter an der Lena überein, sondern wurden auch durch unabhängige Ermittlungen von Schall und Staubspur nach den Beobachtungen im Gebiet Preobrashenka bestätigt /2/. Aus dem Dorf Nepa berichtete S. W. Sarukin, daß er "zuerst ein Geräusch hörte und dann ein Feuerbündel sah". Sein Dorfnachbar I. W. Farkow sah, "wie Feuer hoch und schnell über den Himmel flog, wie ein großer Haufen mit Lärm wie Donner". Nach diesen und anderen akustischen Beobachtern ergibt sich i=8°.

Im Dorf Darino an der Lena bemerkten Augenzeugen beim Flug des Tunguska-Körpers einen "zischenden Pfeifton" /9/. Nach diesen Angaben ist i=5°. Die Geräusche wurden auch in weiter entfernt gelegenen Orten gehört, so. z.B. in Witim u.a. Den Staubschweif des Boliden beobachtete I. M. Woloshin in Preobrashenka. Er stellte fest: "Über den Himmel zog ein Rauchstreifen, in dem Feuer aufblitzte". Und M. S. Farkowa aus Moga sah drei Streifen, "einen gelben, einen bläulichen und einen weinroten", die von einem Flugkörper ausgingen /1/. Diese Erscheinung muß nach I.S. Astapowitsch einer Täuschung infolge Difraktion des Sonnenlichtes am Staubschweif des Tunguska-Bol den zugeschrieben werden. Unter Berücksichtigung dessen, daß sich Staubspuren nur dann bilden, wenn ein am Tage gesichteter Bolid auf einer Höhe von mindestens 50 km niedergeht, ergibt sich somit, daß i=6° beträgt.

Die Staubspur des Tunguska-Körpers wurde auch aus solch weit vom Epizentrum entfernten Orten wie Murja und Chamra beobachtet /9/. Im Dorf ltschora, ca. 900 km vom Epizentrum entfernt, sah der Beobachter K. W. Malyschew, daß der Bolid "hoch, sehr hoch" flog /9/. Angenommen, er überflog ltschora, so ergibt sich i=5°. Wir nehmen an, daß der Tunguska-Bolid aus dem Raum Preobrashenka, fast doppelt so nah zum Epizentrum wie ltschora gelegen, nicht über dem Kopf, sondern unter ca. 45° zum Epizentrum hin gesehen wurde. Bei geringerer Höhe gäbe es keine so genauen Beschreibungen des Boliden und Zeugen über seinen hohen Flug. Selbst bei diesen, den Fakten klar widersprechenden Annahmen, ergibt sich, daß imin=9° und imax=14° betrugen. Solche Beispiele könnten noch weiter angeführt werden.

Also folgt für den Neigungswinkel der Flugbahn des Tunguska-Körpers nach den unterschiedlichsten Angaben zwischen 5° und 14°, was durchschnittlich i=10° ergibt.

Es muß auch bemerkt werden, daß W. A. Bronschten von völlig anderen Überlegungen ausgehend, kürzlich zu der Schlußfolgerung kam, daß für "i" der wahrscheinlichste Wert bei ca. 11° liegt /11/.

Aus dem geringen Neigungswinkel der Flugbahn des Tunguska-Körpers in der Atmosphäre aber ergeben sich wichtige Schlußfolgerungen. Das von W. P. Korobejnikow und P. I. Tschuschkin sowie L. W. Schurschalow vorgeschlagene theoretische Modell der Tunguska-Explosion entfällt, da es bei dem geringen Neigungswinkel das Bild des umgebrochenen Waldes um das Epizentrum selbst qualitativ nicht erklärt /5/. In der Arbeit der gleichen Autoren /6/ wird hervorgehoben, daß die Verringerung des Neigungswinkels der Flugbahn zur Erdoberfläche zu einem starken Auseinanderziehen der "Schmetterlingsflügel" und zur Bildung einer tiefen "Aussparung zwischen ihnen" kommt, was in Wirklichkeit bekanntlich nicht vorhanden ist.

In den Arbeiten /12/ und /13/ wird gezeigt, daß das theoretische Bild der Zerstörungen eine gewisse Ähnlichkeit mit der Realität nur bei i=40° aufweist. Bei i<30° "unterscheiden sich die berechneten Zonen der Zerstörung sehr von den natürlichen hinsichtlich Form und insbesondere der inneren Struktur", wie die Autoren bemerken.

Auch die Hypothese von G. I. Pretow und W. P. Stulow trifft nicht zu, nach der der Tunguska-Körper ein poröser Schneeklumpen von ca. 300 m Durchmesser und einer Dichte von weniger als 0,01 g/cm3 war, der in die Erdatmosphäre mit einer Geschwindigkeit von 40 km/sek /7/, /14/ einflog. Vor allem sei bemerkt, daß die Astronomie keine Körper mit weniger als 0,01 g/cm3 Dichte kennt. Die Dichte der porösesten Meteoriten ist mindestens um das zehnfache größer. Zum Vergleich sei angeführt, daß die Dichte des "irdischen", eben erst gefallenen Schnees 0,13 g/cm3 beträgt.

Nehmen wir jedoch an, daß dieser außergewöhnlich große hypothetische "Schneeball" von G. I. Petrow und W. P. Stulow tatsächlich existierte und mit einer Anfangsgeschwindigkeit von 40 km/sek in die Erdatmosphäre einflog, dann ist es leicht nachzuweisen, daß der Körper von nicht mehr als 0,01 g/cm3 Dichte zerfallen mußte, und zwar bereits in den oberen Schichten der Atmosphäre, und daß er keinesfalls bis in die Troposphäre fliegen konnte, wie das beim Tunguska-Körper der Fall war.

Der Druck des Luftstroms (Staudruck) auf den sich mit großer Geschwindigkeit in der Erdatmosphäre bewegenden Körper wird bekanntlich durch die Gleichung P=cx (pv2) : 2 erfaßt, dabei sind:
cx = Widerstandskoeffizient p = Dichte der Atmosphäre in der vorgegebenen Höhe v = Bewegungsgeschwindigkeit des Körpers.

In Tabelle 2 wird der nach dieser Formel berechnete Druck P in MPa angegeben, der von der Atmosphäre für die verschiedenen Höhen auf den Körper ausgeübt wird. Die Geschwindigkeit des Körpers wurde mit 11,2 km/sek angenommen, was die Mindestgeschwindigkeit beim Eintritt von Meteoriten in die Erdatmosphäre bei Cx = l ist.

Tabelle 2

Höhe in km
Geschwindigkeit 11,2 km/sek 10 20 30 40 50 60 70
P in MPa 22,08 4,77 1,03 0,20 0,05 0,02 0,002

Die statische höchste Druckbeanspruchung bis zur Zerstörung Q wird für verschiedene Werkstoffe in Tabelle 3 angeführt.

Tabelle 3

Material Q in MPa
Gußeisen 880,0
Stahl 670,0
Basalt 500
Granit 300,0
Messing 80,0
Ziegel 6,0
Bimsstein 2,0

In dieser Tabelle sind die statischen Belastungswerte angegeben. Bei dynamischer Belastung, wie z.B. beim Flug des Tunguska-Körpers, verringert sich der Zerstörungswiderstand um das 2 bis 3-fache.

Für Meteorkörper mit 0,01 g/cm3 Dichte beträgt Q=103 MPa /4/. Das bedeutet (siehe Tabelle 2), daß ein Körper mit dieser Dichte bereits in mindestens 80 km Höhe zerfällt und nicht hunderte Kilometer in der Atmosphäre fliegen kann. Damit zeigt sich, daß das hypothetische Schema von Petrow und Stulow in keinerlei Beziehung zum realen Tunguska-Körper steht.

Die Mindestdichte des Tunguska-Körpers kann abgeschätzt werden, wenn berücksichtigt wird, daß er am Ende seines Fluges unmittelbar vor der Explosion etwa 2 km/sek Geschwindigkeit hatte. Bei einer geringeren Geschwindigkeit entsteht bei Boliden (in die Erdatmosphäre eintretende kosmische Körper) kein Leuchten /4/. In diesem Moment beträgt der Druck auf den Körper 78,2 MPa, und das bedeutet, daß der Körper eine Dichte von mindestens 2 g/cm3 besitzen muß, um zu widerstehen. Schon daraus folgt, daß der Tunguska-Körper kein Kometenkern war, für den W. G. Fessenkow eine Dichte von einigen Hundertstel Gramm pro Kubikzentimeter annahm /8/.

Somit ist die relativ große mechanische Festigkeit und damit auch die Dichte des Tunguska-Körpers eine Schlußfolgerung aus der Tatsache seines langen Fluges in niederen Atmosphäreschichten.

Es steht außer Zweifel, daß der Azimut der Flugbahn des Tunguska-Körpers in der Atmosphäre bei Annäherung an den Explosionsort zwischen 275° und 295° lag. Diese Flugbahn wurde bis zu den östlich der Lena gelegenen Gebieten verfolgt. Selbst in Bodaibo wurde der Tunguska-Körper beobachtet, allerdings tief über dem Horizont. Aber diese "östliche Variante" des Tunguska-Körpers wurde durch die Wissenschaftler völlig überraschend erst 1965 ermittelt. Zuerst erfolgte dies auf der Grundlage theoretischer Berechnungen und dann mit Hilfe von Augenzeugenberichten. Bis dahin galt ausschließlich die "südliche" Variante der Flugbahn mit einem Azimut nahe Null /4/. Dieser Azimut war in den Arbeiten der ersten Arbeiten zum Tunguska-Phänomen gut durch L. A. Kulik, A.W. Wosnessenski, I.S. Astapowitsch und andere begründet worden. In der Monographie von I.S. Astapowitsch /4/ wird der Flugbahnazimut des Tunguska-Körpers unabhängig von Augenzeugenberichten durch den Überschall, durch die elektroakustischen Erscheinungen sowie durch die Orte mit der gleichen Lautstärke berechnet. Besonders beeindruckend ist die Abbildung 254 in dieser Monographie, wo die Linien für die gleiche Lautstärke Ausbuchtungen in südlicher Richtung zeigen. Diesen Umstand erklärte I.S. Astapowitsch durch die Einwirkung der ballistischen Welle. In der Arbeit I.S. Astapowitschs /16/ wird erneut der Flugbahnazimut abgeschätzt und mit A=7° angegeben, was auch den anderen "südlichen" Varianten voll entspricht.

Es gibt viele Augenzeugenberichte, nach denen der Tunguska-Körper von Süd nach Nord fliegend beschrieben wurde. Ausgehend davon meinte A. W. Wosnessenksi, daß dieser Bolid südlich der Transsibirischen Eisenbahnlinie auftauchte /15/. In dem an dieser Strecke liegenden Ort Kansk beobachteten Je. Sarytschew und andere den Boliden und beschrieben seine Form, die Farbe und andere Merkmale. Es ist klar, daß sie von Kansk aus nicht sehen konnten, was an der Lena, östlich vom Epizentrum, geschah, da ihr Sichtradius diese Zonen einfach nicht erfassen konnte. Die Qualität der "südlichen" Beobachtungen ist nicht schlechter als die der "östlichen". Und das um so mehr, da sie wesentlich früher gemacht wurden. Es ist leicht zu beweisen, daß die durchaus guten Beobachtungen der "südlichen" und "westlichen" Zeugen, auf die sich die ersten Arbeiten zum Tunguska-Phänomen stützten, mehrheitlich nicht mit der "östlichen" Flugbahnvariante übereinstimmen. Daher müssen die doch überzeugenden Angaben, auf die sich die "südliche" Variante stützt, entweder verworfen werden, oder es muß zugegeben werden, daß der Tunguska-Körper sich in der Erdatmosphäre auf einer nichtballistischen Flugbahn mit wechselnden Azimuten und Höhen bewegte, wobei er irgendwo, möglicherweise die Atmosphäre verlassend, aus dem Gebiet Kansk, wo man ihn "hoch am Himmel" beobachtete /1/ auf die "östliche" Flugbahn einschwenkte.

Es ist noch nicht zu spät, um die Hypothese von "Manövern" des Tunguska-Körpers zu überprüfen. Dazu müssen die Augenzeugen oder ihre Kinder in den die "südliche" Variante betreffenden Gebieten befragt werden. Die Erfahrungen mit der Befragung von Augenzeugen in den Gebieten östlich vom Epizentrum hat gezeigt, daß man ihren Berichten Glauben schenken kann. Die Flugbahn des Tunguska-Körpers in der Atmosphäre kann sich als viel komplizierter erweisen als heute allgemein angenommen wird.

Flugbahn

Für die Ermittlung des Explosionsmechanismus beim Tunguska-Körper ist nur die "östliche" Flugbahn wichtig, oder exakter ausgedrückt, wie sich der Körper unmittelbar vor der Explosion verhielt.

Aus dem relativ kleinen Wert "i" folgt unausweichlich, daß der Tunguska-Körper über dem Zerstörungsgebiet eine geringe Geschwindigkeit hatte, die unmittelbar vor der Explosion nicht über 1 bis 2 km/sek lag /18/. Im Zusammenhang damit spielte die ballistische Welle beim Umbruch des Waldes keine wesentliche Rolle. Darauf wird in einigen Arbeiten aufmerksam gemacht, insbesondere in /19/. Daraus folgt aber, daß die Explosion des Tunguska-Körpers durch seine lnnenenergie ausgelöst wurde, was A. W. Solotow überzeugend nachwies /19/. Deshalb ist die Behauptung einiger Wissenschaftler unverständlich, daß die Tunguska-Explosion höchstens 0,2 bis 0,3 Sekunden dauerte und der Körper in dieser Zeit "mindestens 18 bis 20 km zurücklegte". Das würde bedeuten, daß er auf dem Endabschnitt der Flugbahn eine Geschwindigkeit von ca. 40 bis 60 km/sek gehabt haben müßte. /20/. Das Mißverständnis ist klar. Bei solchen und selbst bei viel geringeren Geschwindigkeiten sowie bei geringem Einfallswinkel "i" der ballistischen Welle hätte ein gewaltiger Umbruch des Waldes in Streifenform erfolgen müssen, was jedoch nicht der Realität entspricht. Viele waren der Meinungen und sind es bis heute, daß die kinetische Energie des in die Erdatmosphäre eingedrungenen Körpers die Quelle für die Explosion mit 1023 bis 1024 erg war. Aber dazu hätte dieser Körper eine sehr große Masse und eine wesentlich größere Geschwindigkeit auf dem Endabschnitt seines Weges besitzen müssen. Da jedoch merkliche Spuren einer ballistischen Welle, so z.B. ein "streifenförmiger Umbruch des Waldes", fehlen, ist diese Möglichkeit bei einem sehr geringen "i" heute auszuschließen.

Die eine Zeit lang populäre Hypothese einer "thermischen Explosion" /21/ erwies sich als nicht zutreffend, da bei ihr eine äußerst niedrige Wärmeleitfähigkeit des hypothetisch angenommenen Kometeneiskerns hätte vorliegen müssen. Diese Unzulänglichkeit versuchte man durch einen Hinweis darauf auszugleichen, daß in Kometenkernen aktive chemische Substanzen vorhanden sein können, die die erforderliche Energie in Form einer "chemischen Explosion" zuführen. Wie 0. W. Dobrowolski /22/, /23/in seinen Arbeiten jedoch nachweist, können sich in Kometenkernen die NH-Radikale bei einer Temperatur von 148°K in das Azid NH1N3 umwandeln. Das ist ein hochexplosiver Stoff. Die OH-Radikale wandeln sich bei 77°K in das chemisch aktive Wasserstoffperoxid H202 um. In Kometen kernen ist auch eine Brandreaktion unter Anwesenheit von Sauerstoff nicht ausgeschlossen. Aber bei jeder chemischen Explosion ist das Verhältnis der Lichtenergie zur Gesamtenergie viel geringer, als es im Fall der Tunguska-Explosion vorlag. Vor kurzer Zeit stellte T. Ja. Gorasdowski die Hypothese vom "rheologischen" Charakter der Tunguska-Explosion auf /9/. Für eine rheologische Explosion ist aber eine umfassende, sehr starke Verdichtung der Materie notwendig, während beim Flug des Tunguska-Körpers die üblichen Prozesse erfolgten und der Atmosphärendruck nur auf die Stirnfront des Körpers einwirkte.

Alle diese Mißerfolge bei der Konstruktion theoretischer Modelle zur Tunguska-Explosion sind unserer Ansicht nach völlig natürlich, da diese Explosion sehr ungewöhnlich war und verschiedene Parameter aufwies, die für eine Kernexplosion typisch sind. Solche Parameter sind z.B. der geomagnetische Effekt, der große Austritt von Lichtenergie und die dadurch verursachten Strahlenverbrennungen. Auch die Thermolumineszens von Stoffen (Trappen) durch die vorangegangene Bestrahlung mit energiereichen Strahlen hervorgerufen, das verstärke Wachstum im Katastrophengebiet, die Mutationen an Kiefern und bei Ameisen durch ionisierende Strahlen sowie die Veränderung der Magnetisierung von Gesteinen im Explosionsgebiet sind nicht gerade triviale Folgen der Tunguska-Explosion. Die Ähnlichkeit der Mikrobarogramme und der Seismogramme bei der Tunguska-Explosion mit denen bei Kern-Explosionen unserer Zeit wurde in den Arbeiten von A. W. Solotow /18/ und vieler anderer Wissenschaftler eingehend begründet. Die Frage der Radioaktivität im Explosionsgebiet bleibt nach wie vor Gegenstand umfassender Diskussionen. Aber die eindeutig nachgewiesene Erhöhung der relativen Radioaktivität im Epizentrum ist nicht durch Häufigkeitsschwankungen zu begründen /9/,/20/. Bei den Jahresringen der Bäume, einschließlich im Jahre 1908, haben einige Wissenschaftler (Libby, Cohen, Atlourey 1965, A. P. Winogradow, A. D. Lewirz, E. I. Drabkina 1966/24/, W. N. Mechedow 1967 /25/) und A. W. Solotow in der Zeit von 1961 bis 1969 radioaktive Anomalien festgestellt. Das kann natürlich nicht als Zufall betrachtet werden. Da die Radioaktivität nur gering ist und mitunter an der Grenze der Meßgenauigkeit liegt, sind die Ergebnisse dieser Untersuchungen durch nicht übliche Prozesse, wie sie sonst bei Kernwaffenversuchen ablaufen, zu erklären. Es wäre auch möglich, daß nur der höhere Gehalt des lsotops C14 und die größere Beta Radioaktivität in den Schichten von 1908 im Zusammenhang mit CS137 real sind.

Letzteres ergibt sich nicht nur aus den Arbeiten von A. W. Solotow, sondern auch aus Untersuchungen im Aschespektrum von Sumpfheidelbeeren, die vom IGG (Institut für Geologie und Geophysik, Anm. d. Hrsg.) der Akademie der Wissenschaften der UdSSR durchgeführt wurden /20/.

Möglicherweise hat das weiche Strahlen aussendende Isotop Cl36 (Chlor-36) /25/ einen gewissen Anteil an der Radioaktivitätserhöhung. Die negativen Ergebnisse bei der Suche nach dem Isotop Ar39 im Boden nahe dem Epizentrum entstehen wahrscheinlich wegen der geringen Aktivität der gesuchten Strahler, die wesentlich empfindlichere Meßmethoden erfordern /26/.

Somit kann heute nicht mehr ernsthaft in Zweifel gezogen werden, daß die radioaktiven Anomalien mit der Tunguska-Explosion zusammenhängen, obwohl Charakter und Einzelheiten dieser Anomalien weiter untersucht werden müssen.

In der letzten Zeit ist in einigen Arbeiten eine seltsame Tendenz zu beobachten; alle unverständlichen oder noch nicht endgültig geklärten Anomalien der Tunguska-Explosion werden als Beweis für die Kometennatur des Tunguska-Körpers deklariert. Man könnte annehmen, daß es keine Kometenastronomie gäbe, die über jahrhundertelange Erfahrungen verfügt, und die Kometen selbst seien so wenig erforschte Körper, daß mit ihnen alles nur Erdenkliche vorgenommen werden kann. So wird zum Beispiel angenommen, daß der hypothetische "Tunguska-Komet", ohne die Erde zu erreichen, wie eine 30 bis 50 Mt Atombombe detonierte, viele für eine solche Bombe charakteristische Effekte auslöste und daß das außerdem noch erhöhte Wachstum der Pflanzenwelt, die Mutation von Pflanzen und Insekten und vieles anderes nicht weniger seltsam und rätselhaft seien.

Dabei ist leicht nachzuweisen, daß die Hypothese eines mystischen Tunguska-Kometen mit den heutigen gesicherten Erkenntnissen der Kometen astronomie nicht vereinbar ist.

Vor allem sei bemerkt, daß der Kern von Kometen ein poröses Konglomerat verschiedener "Eissorten" darstellt (H20, NH3, CH4 und andere), die mit kleinen harten Einschlüssen vom Meteorkörpertyp durchsetzt sind. Kometenkerne haben in der Regel nicht mehr als 1 bis 2 km Durchmesser bei einer durchschnittlichen Dichte von höchstens 0,1 bis 0,2 g/cm3. Über die physikalischen Eigenschaften und Bestandteile von Kometenkernen können anhand der Beobachtungen von Meteorströmen, das sind Reste von zerfallenen Kometenkernen, gesicherte Aussagen getroffen werden. Nehmen Sie z.B. einen Klumpen frisch gefallenen Schnee (Dichte 0,13 g/cm3) in die Hand und blasen Sie ihn von der Handfläche weg. Kann ein solcher Klumpen, der hinsichtlich Dichte und Struktur einem Kometenkern ähnelt, mit kosmischer Geschwindigkeit hunderte Kilometer weit in den dichten Schichten der Erdatmosphäre eindringen? Darauf kann es nur eine verneinende Antwort geben. Das heutige "Eismodell" eines Kerns wurde seinerzeit von Whipple und anderen als das einzige, den gewaltigen Gasverbrauch von Kometen - in ihren Köpfen und Schweifen in dynamischen Atmosphären - erklärendes Modell vorgeschlagen. Mit keinem "Steinmodell" ist das möglich und deshalb sei es falsch, sich den Kern des Tunguska-Kometen als einen Monolithen vom Typ eines kohlehaltigen Chondriten vorzustellen /20/. In Kometenkernen gibt es nichts, was die Tunguska-Explosion und ihre Folgen hätte verursachen können. Es gibt dort, ebenso wie auch in Meteoriten, keine irgendwie bedeutenden Mengen von Elementen seltener Erden (Ytterbium und andere), die eine Bodenanomalie auslösen könnten /20/. Die Menge solcher Elemente in Meteoren /27/ und damit auch in der Staubkomponente von Kometen kernen ist außerordentlich gering. Das Vorhandensein einer anomalen Menge schwerer Elemente, darunter auch von seltenen Erden, in Mesosphärenwolken, die für kosmischen Staub untypisch sind, entstammt offensichtlich einer Verschmutzung der Atmosphäre durch die Industrie. Das kann überprüft werden, indem der Gehalt an den gleichen Elementen in Torfschichten von 1908 untersucht wird, die weit vom Epizentrum der Tunguska-Explosion entfernt sind. Bekanntlich wurde 1908 eine unnormal große Anzahl von Mesosphärenwolken beobachtet. Falls sie damals die oben angegebenen Elemente enthalten haben, dann muß der anomale Gehalt in den Schichten von 1908 global nachzuweisen sein.

Wird diese Anomalie nur im Gebiet der Tunguska-Explosion beobachtet, so folgt daraus, daß die heutige Zusammensetzung der Mesosphärenwolken mit der industriellen Verschmutzung zusammenhängt und der Tunguska-Körper eine für Kometen völlig untypische Struktur aufwies.

Bereits 1968 lenkte Dr. M. N. Mechedow in einem Schreiben an mich die Aufmerksamkeit auf folgendes:
"Die Mitteilung von A. W. Kowalenski, W. K. Shurawljow u.a. über den erhöhten Gehalt an seltenen Erden im Boden und in der Asche von Pflanzen aus dem Gebiet der Katastrophe sowie der Gehalt an Magnesium, Kalzium, Mangan u.a. kann als interessant angesehen werden, da möglicherweise in der komplizierten Konstruktion einer interplanetaren Sonde oder gar eines Raumschiffes viele Teile aus den verschiedensten Stoffen und ihren Legierungen bestehen können. Zum Beispiel können Metalle der seltenen Erden als Zusätze in den Legierungen oder auch Aluminium und Mangan Anwendung finden. Blei kann für den Strahlenschutz von Triebwerken eingesetzt werden."

Wie man auch zu den Aussagen W. N. Mechedows eingestellt sein mag, eines ist unbestreitbar: der im Gebiet der Tunguska-Explosion festgestellte anomale Gehalt an Stoffen, die in Kometen in spürbarer Menge nicht anzutreffen sind, kann keinesfalls zugunsten der Kometenhypothese ausgelegt werden. Die Anhänger dieser Hypothese bringen das ungewöhnliche Leuchten des Nachthimmels in den ersten zwei Nächten nach der Explosion als Hauptargument vor. Sie schreiben dieses Leuchten den Bereichen des Staubschweifs einem Tunguska-Kometen zu. Es ist jedoch leicht zu beweisen, daß diese Schlußfolgerung auf einem Mißverständnis beruht.

Vor allem sei bemerkt, daß die Oberflächenhelligkeit von Kometenschweifen, die bekanntlich nicht von der Entfernung zum Beobachter abhängt, zwischen 10-5 bis 10-8 cd schwankt, d.h. mit der Helligkeit der Milchstraße vergleichbar ist /4/. Das Leuchten des Nachthimmels nach der Tunguska~Explosion war jedoch um Größenordnungen intensiver.

Die Staubteilchen von Kometenschweifen haben einen Durchmesser von 0,1 µm. Solche Teilchen setzen sich auf der Erdoberfläche in 22 Jahren aus 100 km Höhe ab. Das Tunguska Leuchten hörte jedoch schon am 3. Tag auf.

Dieses rätselhafte Leuchten wurde innerhalb des Erdschattenkegels beobachtet und konnte folglich nicht vom Sonnenlicht stammen, das sich in den Bereichen eines Kometenschweifes bricht. Wenn angenommen wird, daß das Leuchten im Erdschatten von einer Druckionisierung der Luft durch Kometenschweifteilchen hervorgerufen wurde, so kann leicht berechnet werden, daß ein Teilchen in diesem Falle mit seinem Durchmesser von 0,1 µm in einem Teleobjektiv ein Licht mit der 33. Größenordnung hervorbringt, das selbst von einem 6-m-Reflektor nicht erfaßt werden kann.

Die Begrenzung des Leuchtens an der Erdoberfläche ist mit der Kometenhypothese nicht zu erklären. Denn Kometen mit einer Kernmasse von 106 t und mehr haben Köpfe und Schweife, die mehrere Male größer sind als die Erdkugel. Das bedeutet, daß der Tunguska-Komet bei einem solchen Kern mindestens auf der ganzen westlichen Halbkugel der Erde den Himmel erleuchtet hätte. Besonders hell hätte er in Wanowara und in seiner weiteren Umgebung sein müssen, denn hier explodierte der Kometenkern und sein Kopf, d.h. der dichteste Bereich des Kometen drang in die Atmosphäre ein. In Wirklichkeit wurde aber nichts dergleichen beobachtet.

Die Erde ist viele Male durch Kometenschweife hindurchgegangen, die mitunter sehr groß waren. Aber niemals wurden solche Lichteffekte beobachtet, die mit denen von 1908 vergleichbar gewesen wären. Eine schwache Aufhellung des Nachthimmels wurde 1861 beobachtet. Als die Erde den Schweif des Kometen "1861II" passierte, wurde die Aufhellung durch den Meteorenstrom Pons-Winnecke /4/ verursacht. In anderen Fällen wurde nicht einmal ein solch geringer Effekt beobachtet.

Es könnten noch mehr Argumente gegen die Kometenhypothese angeführt werden, was seinerzeit von Seiten einiger Wissenschaftler auch geschah, insbesondere durch W. G. Fast, A. F. Kowalewski und G. F. Plechanow /19/.

Gegenwärtig ist für jeden unvoreingenommenen Wissenschaftler klar, daß die Kometenhypothese nicht in der Lage ist, auch nur eine einzige Besonderheit oder einen Parameter der Tunguska-Explosion zu erklären. Die großen Abweichungen dieser Hypothese von den tatsächlichen Fakten schließen aus, daß der Tunguska-Körper ein Komet war.

Was war dieser rätselhafte Körper dann? Muß er als einmaliger, in unserer Erdpraxis natürlicher kosmischer Körper angesehen werden oder war er künstlicher Herkunft, d.h. handelte es sich z.B. um eine Sonde aus einem anderen kosmischen Bereich? Seitdem A. P. Kasanzew und der Verfasser dieses Buches die "Kernhypothese" aufgestellt und durch wissenschaftliche Argumente untermauert haben (1945 bis 1948), sind über 30 Jahre vergangen. In dieser Zeit hat die Astrophysik keine kosmischen Körper entdeckt, die die Effekte der Tunguska-Explosion hervorbringen könnten. Dafür entstand bekanntlich ein neuer Zweig der Naturwissenschaften, der sich stürmisch entwickelt. Die Suche nach außerirdischen Zivilisationen wird zunächst noch als CETI-Problem bezeichnet /28/. Die prinzipielle Möglichkeit eines Kontaktes zwischen den Zivilisationen des Universums, wenn diese existieren sollten, wird allgemein anerkannt, wobei in erster Linie über elektromagnetische Strahlung unterschiedlicher Art gedacht als lnformationsmedium nachgedacht wird.

Im "Programm zum Problem des Kontaktes mit außerirdischen Zivilisationen", das vom Wissenschaftlichen Rat der Akademie der Wissenschaften der UdSSR zum Komplexproblem der "Radioastronomie" /29/ausgearbeitet wurde, gibt es den Punkt 1.7 auf Seite 19, in dem es heißt, daß "der Möglichkeit einer Entdeckung von Sonden außerirdischer Zivilisationen im Sonnensystem oder sogar auf der Umlaufbahn unseres Planeten besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden soll". Es wurden bereits Versuche zum Aufspüren solcher Sonden unternommen. Andererseits hat sich natürlich in den letzten 30 Jahren unsere Vorstellung von der Technik interstellarer Flüge sehr verändert. Es wurde klar, daß gewöhnliche Raketentriebwerke, sogar thermonukleare, für diesen Zweck aus vielen Gründen völlig ungeeignet sind. Daher wurde die Idee von einem hypothetischen Sternenschiff geboren, das auf dem Annihilationsprinzip beruht. Nach einigen Arbeiten könnten auch Elementarteilchen als "Treibstoff" für ein solches Triebwerk eingesetzt werden, die aus dem physikalischen Vakuum durch ähnliche Prozesse wie bei der "Dampfentstehung" gewonnen werden. Sollten solche Zivilisationen gelernt haben, die Gravitation und folglich auch die Trägheitskraft "gering zu halten", dann erleichtert das natürlich interstellare Flüge erheblich. Kurz gesagt, heute stellt sich die Kernhypothese den Tunguska-Körper als eine interplanetare Sonde vor, die wahrscheinlich durch eine Annihilationsexplosion vernichtet wurde.

Zugegebenermaßen ist das eine exotische Hypothese, die jedoch experimentell überprüft werden kann. Im Falle einer Annihilationsexplosion müssen nach W. I. Mechedow /25/ nur solche radioaktiven Isotope wie Na22, Al38, Cl36, Ca41, Ti44, Mn53, Ni59 und einige andere über längere Zeit erhalten bleiben. Wenn sie im Gebiet der Tunguska-Explosion entdeckt würden, so wäre das ein Argument, das für den Annihilationscharakter dieser Explosion sprechen würde. Die Bestätigung des nichtballistischen Charakters der Atmosphärenflugbahn beim Tunguska-Körper kann als ein erster Beweis für seine künstliche Herkunft angesehen werden. Gleiches bestätigen auch die Anomalien in der stofflichen Zusammensetzung im Boden und in den Pflanzen mit Schlußfolgerungen auf den Tunguska-Körper. Doch auch die Anomalien in der Anzahl der chemischen Elemente, die praktisch bei Kometen nicht vorhanden sind, aber in der industriellen Technologie bereits eine breite Anwendung finden.

Natürlich müssen auch der Mechanismus und die Ursache des beschleunigten Pflanzenwachstums, der Mutationen und anderer rätselhafter Folgen der Tunguska-Explosion noch endgültig geklärt werden.

Wie in Arbeit /30/ gezeigt wird, hatten die optischen Anomalien von 1908 einen komplizierten Charakter und viele davon - so z.B. das "Nachleuchten", die vielen Silberwolken am Himmel während des ganzen Jahres u.a.m. - standen in keinem Zusammenhang mit der Tunguska-Explosion. Hier erfolgte wahrscheinlich eine zufällige Überlagerung mehrerer Ereignisse. Von ihnen hat nur das kurzzeitige Nachtleuchten zwei Tage nach der Explosion zweifellos mit der Explosion zu tun. Seine Ursachen und seinen Mechanismus zu klären, ist eine noch lange nicht von der Tagesordnung abzusetzende Aufgabe. Schließlich muß die Tür auch für neue Ideen, für neue Hypothesen offengehalten werden. Es ist wahrscheinlich nicht ausreichend anzunehmen, daß die Explosionsenergie nur in drei Varianten möglich sein kann, nukleare, thermonukleare und Annihilationsenergie. Haben sich die Wissenschaftler nicht unnötigerweise in einem zu begrenzten Bereich von Möglichkeiten festgefahren: "Komet oder Raumschiff"?

Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Wissenschaftler zum Tunguska-Phänomen im weiteren auf etwas Neues, Drittes stoßen, das vorläufig unbekannt und nichtvorhersehbar ist. Diese Möglichkeit müssen nach meiner Meinung alle einräumen, die davon überzeugt sind, daß die Wissenschaft nicht heute zu Ende ist, daß uns noch nicht alles auf der Welt bekannt ist und daß die unendlich komplizierte und vielgestaltige Natur noch viele Rätsel in sich birgt.

F. Ju. Siegel

26. Februar 1979


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