Was geschah in der Nacht vom 30.4.1976 zum 1.5.1976

Zur Erinnerung an Michael Gartenschläger

Als junger Unteroffizier hatte ich in der Nacht vom 30.4.1976 zum 1.5.1976 Dienst an der innerdeutschen Grenze im Raum Heiligenstadt im schönen Thüringischen Eichsfeld. Am Morgen des ersten Mai mussten wir unsere Stiefel putzen und die Paradeuniform (Ausgangsuniform) anziehen, denn es sollte nach Heiligenstadt gehen zur Maidemonstration.

Auf dem Sammelplatz in Heiligenstadt angekommen, standen wir lose nebeneinander bevor der Marsch begann. Ich hörte, wie ein höherer Offizier vom Regimentstab zu einem Anderen sagte: Das Schwein ist tot.

Allgemein bekannt war mir damals, dass viele Offiziere der Grenze ihre Freizeit der Jagd widmeten und so machte ich mir keine weiteren Gedanken zu dieser Aussage. Was dieser Offizier jedoch wirklich damit meinte, das sollte ich erst Jahrzehnte später erfahren. Der erste Mai in diesem Jahr war ein schöner Tag, nach dem Parademarsch hieß es jedoch für uns, zurückzukehren in die Grenzkompanie und Nachtruhe zu halten.

Keine Angst vor dem schwarzen Mann

Zum Schusswaffengebrauch gab es auch an der Grenze eine klare Anweisung, notiert in einer als vertraulich gekennzeichneten Dienstvorschrift. Demnach musste ein vermeintlicher Grenzverletzer vorzugsweise möglichst ohne Anwendung der Schusswaffe festgenommen werden und auf gar keinen Fall durfte in Richtung BRD geschossen werden. Es gab jedoch eine Situation, wonach diese Vorschrift kurzfristig vom Stabchef unseres Bataillon außer Kraft gesetzt wurde. Diese Situation war damals für mich ziemlich unverständlich, denn ich kam frisch von der Ausbildung.

An einem der letzten Apriltage im Jahr 1976 erschien der Bataillon-Stabchef Major D. im Grenzabschnitt, wo ich zusammen mit einem Berufsunteroffizier auf Grenz-Streife war. Wir standen unterhalb des Etzenborner Hang auf der ehemaligen Ortsverbindungsstraße von Neuendorf (Thüringen, Kreis Worbis) nach Etzenborn (Niedersachsen, Keis Duderstadt). Major D. erklärte, warum auf dem Etzenborner Hang Scheinwerfer aufgebaut wurden und was es damit auf sich hat. Ich gebe das hier einmal sinngemäß wieder in Stichpunkten:

Von westlicher Seite her sei mit einem Grenzverletzer zu rechnen, der die Absicht hat, Minen des Types SM70 abzubauen. Diese Person sei schwarz gekleidet und hat ein schwarz gefärbtes Gesicht um sich zu tarnen. Auf dem Etzenborner Hang wird ein Posten Stellung beziehen und beim Anzeichen obengenannter Absichten sofort die Scheinwerfer einschalten sowie unverzüglich die Schusswaffe anwenden. Dieser besondere Befehl lautete also: Licht an, Feuer!

Tagsüber sollte außerdem das Auftreten ziviler PKWs mit den Kennzeichen HL, HB und HH beobachtet und sofort zum Stab des Bataillon gemeldet werden.

Der vergessene Schießbefehl

Tatsächlich meldete ich einige Tage später das Auftreten eines PKW mit dem Kennzeichen HL... im Grenzabschnitt auf westlicher Seite und setzte unverzüglich eine Meldung an das Bataillon ab. Der Dienstabende jedoch wusste mit dieser Meldung nichts anzufangen. Den Scheinwerfern auf dem Etzenborner Hang erging es auch nicht anders: Sie verrotteten und gerieten in Vergessenheit. Gleichermaßen konnte sich niemand mehr an den besonderen Schießbefehl erinnern. Major D. kann ich heute auch nicht mehr befragen, er ist unter tragischen Umständen ein paar Jahre später ums Leben gekommen. Was wirklich geschehen war, erfuhr ich erst bei meinen umfangreichen Recherchen zum Fall Michael Gartenschläger.

Das Abbauen von SM70-Minen unter allen Unständen verhindern

In den ersten Jahren nach 2001 recherchierte ich zum Thema Selbstschussanlage, so wurde die Minensperre G501, bestückt mit SM70-Minen genannt. So lernte ich einen ehemaligen Angehörigen des Grenzzolldienstes aus Niedersachsen kennen, der ebenfalls die Grenze sowohl dienstlich als auch privat dokumentierte. Dieter S. berichtete mir, dass im April 1976 die Stasi genaue Kenntnis davon hatte, was Michael Gartenschläger vorhatte und bekanntlich ist es ihm ja auch gelungen, Minen vom Zaun abzubauen. Stasi-Chef Mielke war außer sich und gleichermaßen machtlos.

Es gab einem Maßnahmeplan, nachdem der Minenklau unter allen Umständen verhindert werden sollte. Dieser Plan wurde an die Einheiten der Grenztruppe durchgestellt, ward jedoch unterschiedlich interpretiert. Dieter S. berichtete mir, dass in einigen Grenzabschnitten die oberer Reihe SM70-Minen abgebaut wurden, so dass ein Rankommen an die sich darunter befindliche Minenreihe mit einem Griff über den Zaun nicht mehr möglich war. In anderen Einheiten wurden die Auslösedrähte über Kreuz angelegt. Offensichtlich wurde der besondere Schießbefehl nicht allen Grenzeinheiten erteilt. Möglicherweise war es den Kommandeuren auch freigestellt, wie sie letztendlich das Abbauen der Minen verhindern wollen.

Einheitlich waren jedoch die Maßnahmen, welche nach dem 1. Mai 1976 an allen Minensperren vom Typ G501 ergriffen wurden: Die Sprengkörper wurden mit einem Kunststoffkasten nachgerüstet, so dass es nicht mehr möglich war die Zündleitung zu kappen. Jegliche Manipulation an den Minen mussten zur Auslösung führen. In unseren Abschnitten (Kreis Worbis) dauerten diese Arbeiten ein paar Wochen an und waren zum Sommerbeginn abgeschlossen, die Aktion lief unter dem Decknamen Immunisierung.

Insgesamt waren diese Handlungen sehr konspirativ, auch das was die Befehlslage betrifft. An den besonderen Schießbefehl kann sich heute keiner mehr erinnern und Major D. lebt nicht mehr. Ebenso ist während meiner gesamten Dienstzeit der Name Michael Gartenschläger zu keiner Zeit gefallen. Er ist in der Nacht vom 30.4. zum 1.5.1976 von einem Exekutionskommando aus dem Hinterhalt heraus erschossen worden, als er einen weiteren Versuch unternehmen wollte, am Grenzknick Büchen (Raum Lauenburg) zur Minensperre vorzudringen.

Meine Aussage zum Schießbefehl hat keine juristische Bedeutung. Sie ist jedoch in einem Dokumentarfilm über die innerdeutsche Grenze und den Fall Michael Gartenschläger festgehalten.

TV-Dokumentation

Gegen die Grenze. Das Leben des Michael Gartenschläger, Fernseh-Dokumentation (44 Min.) von Alexander Dittner & Ben Kempas, Produktion: Xframe GmbH München für den Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) 2004.


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