Mein letzter Postengang an der DDR-Grenze

Meine Erinnerungen als ehemaliger Grenzsoldat

    Verträumt nicht Euer Leben, sondern
    erlebt Eure Träume (Manfred von Ardenne, DDR)

In den frühen Morgenstunden des 26. Oktober 1978, es war ein Donnerstag und noch dunkel, trat ich den letzten Dienstgang an der Grenze an. Zusammen mit meinem Begleiter (Posten), einem jungen Soldaten aus Sachsen, wurden wir am Ortsrand von Silkerode im thüringischen Eichsfeld abgesetzt. Der Auftrag (Befehl) lautete: Genzverletzer aufzuspüren, festzunehmen oder zu vernichten. Im Speziellen war es unser Auftrag, den Spurenkontrollstreifen unmittelbar vor der Sperranlage an der Grenze zur BRD zu kontrollieren. Dieser Kontrollstreifen hatte eine Breite von 6 m und hieß in der Kurzform einfach K6. Ein- oder zweimal täglich wurde einem Posten der Grenztruppen der DDR befohlen, diesen K6 auf Spurensicherheit zu kontrollieren wobei die erste Kontrolle stets bei Tagesanbruch erfolgte.

Es war ein trüber aber trockener Tag in diesem Herbst und es sollte auch ein langer und besonderer Tag werden, den ich nicht vergessen sollte: der 26.10. war der Tag meiner Entlassung aus dem aktiven Wehrdienst. Während also die Genossen Gefreiten und Unteroffiziere des letzten Diensthalbjahres in der Grenzkompanie Mackenrode schon Zivilsachen trugen, ging ich mit meinem Begleiter von Silkerode aus den Bornberg hinauf zum K6. Der Bornberg beherbergt unterirdisch ein riesiges Wasserreservoir und hat daher seinen Namen, am Südhang des Berges ist eine Karstquelle, gefasst in einer Brunnenstube, die den Ort Silkerode mit Wasser versorgt.

Die Grenze zwischen Thüringen und Niedersachsen verläuft westlich von Silkerode von Süden nach Norden und knickt am Bornberg fast rechtwinklig nach Osten ab, wobei sie ziemlich geradeaus in Richtung Osten weitergeht, bei Mackenrode ein Stück nordwärts schwenkt und dabei die Bundesstraße 243 schneidet. Diesem Grenzverlauf folgten wir nun ab dem Bornberg und richteten unser Augenmerk auf den K6, der wie immer frisch geeggt war, so dass eine etwaige Fußspur einen nächtlichen Grenzdurchbruch mit Sicherheit verraten hätte.

Unser Marsch ging am K6 entlang auf dem sogenannten Kolonnenweg. Hier waren Spurenplatten aus Stahlbeton verlegt, eine Art der Befestigung, die unter jeder Wetterbedingung begeh- und befahrbar ist. Nach kurzer Zeit erreichten wir das Schäferdenkmal, an dieser Stelle reicht der Wald im Schutzstreifen von Silkerode ausgehend bis fast an den Kolonnenweg, von uns aus gesehen also recherhand. Von links grüßten uns die Berge des Harzes über den Orten Barbis und Bad Lauterberg und wenn es nicht so ein trüber Tag gewesen wäre, hätten wir bestimmt auch den Brocken gesehen.

Nach einer guten Stunde Gehzeit kamen wir zur Straße BB. Diese Straße war einst die Verbindung zwischen dem thüringischen Ort Bockelnhagen und Bartolfelde in Niedersachsen, deswegen die Abkürzung BB. Es war im Leben der Grenzsoldaten überhaupt so eine Marotte, alles irgendwie abzukürzen und so meldeten wir uns auch alle halbe Stunde im Führungspunkt der Kompanie mit den Worten: KV, WM X plus 30 was soviel heißt wie Keine Vorkommnisse, wiedermelden in 30 Minuten.

Freilich war die Straße BB unterbrochen, d.h. die Straße endete, durch den Wald von Bockelnhagen in Serpentinen heraufkommend, am Kolonnenweg (KW). Danach folgte der K6, der KFZ-Sperrgraben und dann ein Zaun aus Streckmetall, dieser Zaun hatte ein Höhe von 3 m. Hinter dem Zaun war noch ein Stückchen DDR-Gebiet und erst dann kam die eigentliche Grenze, in dieser Gegend auf der Linie des alten, noch aus der Kaiserzeit stammenden Grenzverlaufs zwischen Thüringen und Niedersachsen.

Nach einer kleinen Pause an der Straße BB marschierten wir weiter in Richtung Mackenrode am K6 entlang. die letzten Kilometer gingen durch den Wald, in dem es einige Erdfälle gibt, das sind trichterförmige Auswaschungen in der Karstlandschaft am Südharz. Einen dieser Trichter sahen wir auch kurz vor der Straße BB, zwischen dem K6 und dem 3-Meter-Zaun. Gerne hätte ich damals in diesen Erdfall einmal hineingeschaut, wir hätten dazu jedoch den Kontrollstreifen betreten müssen, was wir natürlich nicht durften und auch nicht taten.

Gegen Mittag erreichten wir den Postenpunkt Hundewinkel, an dem unser Auftrag beendet war und mit der Meldung Keine Vorkommnisse beim UvD der Grenzkompanie Mackenrode war mein letzter Postengang an der Grenze dann auch vorbei. Nach dem Duschen und einer guten Rasur durfte ich meine Zivilsachen anziehen und auf den W50 (LKW) steigen, der mich zusammen mit den anderen ausgedienten Genossen nach Heiligenstadt brachte, wo wir ins zivile Leben verabschiedet wurden. Ich fuhr nachmittags zunächst mit dem PKW eines Kumpels als Mitfahrer bis Mühlhausen und von dort aus mit dem Zug nach Weimar, wo meine Freundin Veronika auf mich wartete. Das schöne Eichsfeld und der Harz mit seinen ausgedehnten Sperrgebieten entlang der innerdeutschen Grenze rückte von nun an in weite Ferne...

Viele Jahre später in der Europäischen Union

Wir schreiben das Jahr 2009 und die DDR gibt es seit 20 Jahren nicht mehr. Da ich noch ein bischen Resturlaub hatte, fuhr ich mit meiner Frau Veronika für ein paar Tage ins Eichsfeld. Für die Übernachtungen fiel unsere Wahl auf Duderstadt, der heimlichen Hauptstadt des ehemals geteilten Eichsfelds. Mit seinen ungezählten Fachwerkhäusern ist Duderstadt absolut sehenswert, wie auch die große Stadtkirche, der sogenannte Eichsfelder Dom.

Duderstadt liegt nicht weit von der ehemaligen Grenze entfernt und gehört zu Niedersachsen. Von Duderstadt-Gerblingerode (Niedersachsen) nach Teistungen (Thüringen) führt die Bundesstraße B247. Hier war schon zu DDR-Zeiten eine Grenzübergangsstelle (GüST Worbis) mit Pendelbussen für den kleinen Grenzverkehr. Neben den Truppenunterkünften für die Mannschaften der GüST gab es in Teistungen auch eine Grenzkompanie, die zum Regiment Heiligenstadt, Batallion Jützenbach gehörte. Rechts und links der GüST waren am Zaun der Sperranlagen die SM-70-Minen angebracht, die 1984 abgebaut wurden.

Tal_der_Brehme

Linksstehendes Foto entstand auf dem Kutschenberg zwischen Ecklingerode und Wehnde. Wir schauen in das Tal der Brehme mit dem gleichnamigen Ort nicht weit von Duderstadt.

Der breite Berg über Brehme ist der Sonnenstein wo sich die Straßen Brehme, Jützenbach, Kirchohmfeld treffen.

Auf dem Bild ganz links ist das Gebäude der ehemaligen Grenzkompanie Ecklingerode zu sehen. Es war die sechste Kompanie im Grenzregiment Heiligenstadt.

Nach einigen Ausflügen zu Grenzorten wie Böseckendorf, Günterode, Burg Hanstein und auch mal einem Einkaufsbummel in Göttingen stand eine kleine Wanderung an: Auf dem ehemaligen Kolonnenweg der Grenze im Südharz. Nach fast auf den Tag genau 31 Jahren wollte ich ein Stück des Weges meines letzten Postengangs noch einmal gehen, nicht in Stiefeln sondern in Wanderschuhen, nicht bewaffnet aber mit meiner Frau.

Wir parkten unseren PKW neben dem ehemaligen Führungspunkt direkt neben der Straße BB (Bockelnhagen-Bartolfelde). Ziel unserer Wanderung war das Schäferdenkmal im einstigen Schutzstreifen, wobei ich schon ein paar kleine Bedenken hatte, diesen Ort nach so vielen Jahren überhaupt wiederzufinden. Von der Straße BB aus eine gute halbe Stunde zu gehen, das hatte ich noch so in Erinnerung.

Schäferdenkmal

Ein Ort der Stille ist das Schäferdenkmal, unweit der Grenze zwischen Thüringen und Niedersachsen am Bornberg bei Silkerode.

Die erst kürzlich aufgestellte Tafel erzählt die traurige Geschichte eines Landwirts, der hier vor über hundert Jahren vom Blitz erschlagen wurde.

Für uns Grenzsoldaten war dieser Platz auch damals immer ein Ort der Andacht.

Zugewachsene_Grenze

Anmutig schwingt sich das nunmehr Grüne Band über die Hügel des Südharz. Von den Sperranlagen u.a. Grenzbefestigungen ist nichts mehr zu sehen.

So schön und gut wie das Grüne Band für die Natur ist, es trägt auch zum Vergessen bei. An einigen Stellen ist auch die Minensperre zugewachsen wobei hier anzumerken ist, dass es durchaus noch Leute gibt, in dessen Interesse das liegt, was mit Naturschutz freilich nicht viel zu tun hat.

Der dicke Berg im Hintergrund ist der Stöberhai (718 m) im Harz. Auf diesem Berg standen zur Zeit des kalten Krieges Abhöranlagen der NATO, die u.a. die Aufgabe hatten, Truppenbewegungen innerhalb der DDR und an der Grenze aufzuspüren.

Ehemaliger_Führungspunkt

Ehemaliger Führungspunkt links der Straße BB (Bockelnhagen-Bartolfelde). Im Turm war die Nachrichtenzentrale für den diensthabenden Zugführer des Grenzabschnitts Mackenrode, hier gab es Funkgeräte, ein Telefon und das sogenannte Grenzmeldenetz.

Die Schwarz-Rot-Goldene Grenzsäule und der kleine Grenzstein mit der Aufschrift DDR standen nicht immer vor dem Turm, sondern weiter nördlich nur wenige Meter vor der Grenzlinie auf dem Gebiet der ehemaligen DDR.

Links im Bild sind die Betonplatten des Kolonnenwegs noch gut zu sehen. Die Baumreihe hinter dem Turm markiert den Verlauf des ehemaligen KFZ-Sperrgrabens, die Grenze selbst verlief noch gut 30 m hinter der jetztigen Baumreihe.

In Anbetracht der Tatsache, dass viele Menschen an dieser Grenze ihr Leben verloren, ist Ardennes Ausspruch sehr zwiespältig, wenn nicht sogar zynisch. Einen Teil meiner Jugend habe ich an dieser Grenze verbracht, nicht selten etwas wehmütig in den Westen geschaut und von fernen Ländern geträumt. Erst nach der Grenzöffnung konnte ich ein paar meiner jugendlichen Träume verwirklichen. Wir sollten immer daran denken.


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