Die innerdeutsche Grenze

Die innerdeutsche Grenze

Mit dem 18. Lebensjahr begann für die meisten männlichen Jugendlichen der Wehrdienst, es gab die NVA (Nationale Volksarmee), die Bereitschaftspolizei und die Grenztruppen der DDR. Der Druck auf die Jugendlichen, dahingehend länger zu dienen war groß, etwa ab der neunten Schulklassenstufe wurden wir ständig beackert, entweder die Offizierslaufbahn (25 Jahre) einzuschlagen oder wenigstens drei Jahre zu dienen.

Ein Jahr vor meiner Einberufung, wurde mir versprochen, dass ich bei Funkmess meinen Dienst tun darf, sofern ich mich verpflichte, länger zu dienen (3 Jahre). Da mich diese technischen Dinge damals auch sehr interessierten, habe ich dem Propagandadruck nicht länger widerstanden und unterschrieb die Erklärung.

Als die Einberufung heranrückte, hieß es jedoch, dass bei Funkmess keiner mehr gebraucht würde und ich zur Grenze müsse. Von meiner Verpflichtungserklärung konnte ich nicht mehr zurücktreten und so diente ich drei Jahre lang bei den Grenztruppen der DDR im Thüringer Raum.

  "Nun beginnt für Sie ein besonderer Dienst am Sozialismus.
  Jetzt verwirklichen Sie als Soldat Ihr verfassungsmäßiges Grundrecht."

  (Zitat aus einer damaligen Propagandaschrift)

Fern vom Volk war die Grenze

Die DDR-Behörden haben alles getan, den normalen DDR-Bürger von der Grenze fernzuhalten. Bereits in den Reisezügen von Erfurt nach Eisenach wurden ab Gotha Kontrollen durchgeführt und die Reisenden befragt, wohin sie fahren. Wanderkarten um den grenznahen Raum gab es nicht. Auf Übersichtskarten, in denen die Grenze einbezogen war, wurde bewusst darauf verzichtet, Details wie Orte, Straßen, Flurbezeichnungen jenseits der Grenze auf solchen Karten einzuzeichnen, der DDR Bürger durfte nicht wissen wie es hinter der Grenze weitergeht.

Dies ist eine kleiner Artikel gegen das "Vergessen" und richtet sich auch an diejenigen, welche die Grenze nicht aus eigener Anschauung kennengelernt haben.

Grenzsignalzaun im Hinterland

Das Bild zeigt einen Teil der Grenzsicherungsanlagen, den sogenannten Grenzsignalzaun. An diesem Grenzsignalzaun befanden sich stromführende Leitungen welche bei Durchtrennung oder Kurzschluss ein Signalhorn und eine Rundumleuchte (Rot oder Blau - je nach Richtung) am Zaun auslösten. Je nach Ausbaustufe dieser Technik wurde auch auf dem Führungspunkt des Grenzabschnittes ein Signal ausgelöst.

Ein Schnitt durch die Grenzsicherungsanlagen

Ausgehend von der BRD stellt untenstehende Skizze in etwa die Entfernungen sowie die Sperranlagen an der Grenze dar. Die Kosten für die Sicherungsanlagen waren gewaltig: 1km Grenze kostete 1 Millionen DDR - Mark!

Die Grenze im Schnitt

Grundsätzlich befanden sich die Sperranlagen auf dem Gebiet der DDR. Zwischen dem Kolonnenweg und dem Grenzsignalzaun, welcher den Schutzstreifen markierte, wurde ein etwa 500m breites Gebiet landwirtschaftlich genutzt, wohingegen es auch Flächen gab, die nicht genutzt werden konnten wie z.B. der etwa 25m breite Streifen zwischen der Grenze und dem Metallgitterzaun.

Dienst an der Grenze, die Struktur der Einheiten und Bewaffnung der Grenzposten

Die kleinste Einheit war der Grenzposten, i.d.R. bestehend aus 2 Soldaten wobei einer der Beiden, mindestens ein Jahr dabei, die Funktion des Postenführers ausübte. Grenzposten befanden sich auf Beobachtungstürmen (nur tagsüber), in Bunkern oder waren frei beweglich. Einen Sonderfall stellte der sogenannte Minenposten dar: Stets war dieser Posten motorisiert, damit im Falle einer Minenauslösung größtmögliche Bewegungsfähigkeit gegeben war.

Eine Grenzkompanie bestand aus vier Zügen, jeder Zug hatte zwei Gruppen und dazugehörige Gruppen~ und Zugführer sowie deren Stellvertreter. Rund um die Uhr hat jeweils ein Zug einer Kompanie einen Grenzabschnitt gesichert, für die Kompanie gab es damit genau vier Grenzabschnitte in Früh~, Nacht~ oder Spätschicht zu sichern.

Untenstehende Liste zeigt die Struktur des 4. Grenzregiments (Heiligenstadt) und verdeutlicht die Stellung einer Grenzkompanie.

Kompaniesicherung

Jeder Grenzkompanie war ein Abschnitt an der Grenze, ein sogenannter Kompanieabschnitt zugewiesen der von der Kompanie zu sichern war. Der 24Stunden - Dienst wurde also von einer Kompanie über die 4 Züge organisiert, die sich in Früh~, Spät~ und Nachtschicht einander ablösten.

Bataillonssicherung

Um in eine Grenzkompanie mehr militärischen Schliff zu bekommen, wurde die Bataillonssicherung eingeführt. Damit hatte eine Kompanie für eine komplette Sicherungsschicht vier Abschnitte zu sichern.

Der Grenzdienst war innerhalb eines Bataillons organisiert, die 8. Kompanie hat stets die im Dienst befindliche 6. Kompanie abgelöst, war der Dienst der 8. Kompanie zuende, wurden die 4 Züge der 8. Kompanie von der 5. Kompanie abgelöst.

Die Reihenfolge sah dann so aus: 6 - 8 - 5 - 7 - 6 - 8 ... Kompanie im Dienst.

Grenzposten

Nachts hatte jede der drei, nicht im Dienst befindlichen Kompanien des Bataillons eine Alarmgruppe zu stellen die meistens dann zum Einsatz kam, wenn im Abschnitt der Grenzsignalzaun ausgelöst hatte oder Minen hochgegangen sind. Zur Kontrolle der Auslösung des Grenzsignalzaunes diente ein vorgelagerter 2m breiter Kontrollstreifen welcher regelmäßig frisch geeggt und gegrubbert wurde.

Ebenfalls regelmäßig, nämlich täglich wurde der 6m breite Kontrollstreifen neben dem Kolonnenweg von einer speziell dafür befohlenen Streife kontrolliert.

Ein Grenzabschnitt hatte, je nach geografischen Gegebenheiten eine Länge von 8km - 13km und war mit 4 - 8 Posten besetzt. Nachts wurden in manchen Abschnitten auch extra Posten aufgestellt.

Einen extra Postendienst taten auch die Grenzaufklärer, das waren Längerdienende und sehr linientreue Genossen. Grenzaufklärer durften im Alleingang auf Steife gehen, auch im Hinterland des Sperrgebietes. Im Gegensatz zu den normalen Grenzposten die sich nur innerhalb des Schutzstreifens bewegten - mindestens als Postenpaar zu zweit.

Bewaffnung der Grenzposten

  "Unser werktätiges Volk, die Arbeiterklasse, die Partei
  haben Ihnen, haben uns allen
  diese Waffen in die Hand gegeben."

  (Zitat aus einer damaligen Propagandaschrift)

Hauptsächlich waren Grenzposten mit der Maschinenpistole Type Kalaschnikow und 60 Schuss Munition bewaffnet. Dabei befanden sich ein Magazin mit 30 Patronen in der Waffe (Unterladung) und ein Ersatzmagazin mit ebenfalls 30 Schuss wurde in der Magazintasche am Koppel mitgeführt. Die Kalaschnikow - Patrone war / ist eine Kurzpatrone mit der Bezeichnung M 43 welche auch in andere Schützenwaffen passt. Das Stahlkerngeschoss hat eine Masse von ca. 10g und eine Anfangsgeschwindigkeit von 720m/s und damit eine absolut tödliche Wirkung.

Kalaschnikow Maschinenpistole

Die Feuergeschwindigkeit einer Kalaschnikow betrug / beträgt 600Schuss/min, d.h., ein Magazin mit 30 Schuss ist in 3 Sekunden leergefeuert.

DDR Soldat mit Kalaschnikow

Die Unterladung, also das Einsetzen der Magazine in die Kalaschnikow erfolgte unmittelbar nach dem Befehlsempfang zum täglichen Grenzdienst auf dem Gelände der Kompanie.

  "Niemals wird ihnen befohlen, die Waffen zur Niederhaltung der
  friedliebenden und fortschrittlichen Kräfte des eigenen Volkes zu führen."

  (Zitat aus einer damaligen Propagandaschrift)

Nach dem Grenzdienst hatte jeder Grenzsoldat, auf dem Gelände der Grenzkompanie, das Magazin aus der Kalaschnikow zu entfernen und dem diensthabenden Zugführer die entladene Waffe vorzuführen, hierbei kam es gelegentlich zu Unfällen derart, dass ein Soldat das Magazin vor den Augen des Zugführers aus Versehen leergeschossen hat.

Pistole Makarov

Offiziere und Grenzaufklärer trugen im Dienst Pistolen vom Type Makarow. Die Makarow war vom Kaliber 9mm, die Geschosse hatten eine Anfangsgeschwindigkeit von knapp 330m/s - ein Schuss aus kurzer Entfernung konnte somit tödlich sein.

  "Noch nie wurden in der deutschen Geschichte
  Waffen für eine edlere Sache getragen."

  (Zitat aus einer damaligen Propagandaschrift)

Fahrzeuge der Grenztruppen

Der LO (ROBUR Werke Zittau, ello)

Fahrzeuge gehörten natürlich auch zur Ausrüstung der Grenztruppen. Hauptsächlich kamen die folgenden Fahrzeugtypen zum Einsatz:

Rechtsstehendes Bild zeigt einen LO (ello, ROBUR Werke Zittau), dieser geländegängige Kleinlastkraftwagen, angetrieben mit einem 75 PS starken 4 - Zylinder - 4 - Takt - Motor, kam an der Grenze täglich zum Einsatz.

P3

Der Geländewagen "P3" hatte zuschaltbaren Allradantrieb mit zuschaltbarer Geländeuntersetzung, zwei zuschaltbare Differentialsperren und einen 6-Zylinder-Viertaktmotor mit einer Leistung von 75 PS.

Der P3 war ein von Führungskräften bevorzugtes Fahrzeug. Die Ladefläche im Hinterraum bot Platz für vier Personen mit je einer länsseitigen Sitzbank auf jeder Seite.

Leben und Arbeiten im Schutzstreifen

Wie weiter oben schon erwähnt, wurde im Schutzstreifen Landwirtschaft betrieben. Es gab auch Ortschaften im Schutzstreifen. Für die Arbeitenden und im Schutzstreifen Lebenden war das Leben sehr stark eingeschränkt. So durften Feldarbeiten nur zu bestimmten Zeiten durchgeführt und mussten obendrein auch angemeldet werden, damit die Grenzposten zur rechten Zeit das Tor geöffnet haben. Darüber hinaus waren Feldarbeiten von Grenzposten abzusichern.

  "Was des Volkes Hände schaffen, was des Volkes Eigen ist,
  schützen sie, Genosse Soldat mit des Volkes Waffen."

  (Zitat aus einer damaligen Propagandaschrift)

Ebenfalls starke Einschränkungen des täglichen Lebens gab es in den Ortschaften. Jeder der raus~ oder rein wollte musste sich einer Kontrolle unterziehen, ob der Passierschein auch gültig ist. Nachts durfte in diesen Ortschaften keiner mehr auf die Straße. Besuche von DDR - Bürgen im Schutzstreifen wurden lange Zeit überhaupt nicht genehmigt, später ist dies auf gelockert worden, jedoch auch nur für die absoluten Ausnahmen. Den im Schutzstreifen Wohnenden wurde eine nicht geringe finanzielle Unterstützung zugebilligt.

Der DDR - Partei~ und Staatsführung waren die im Schutzstreifen Wohnenden ein steter Dorn im Auge. In zwei Nacht~ und Nebelaktionen wurden ganze Familien aus dem Schutzstreifen und auch aus dem weiteren Sperrgebeit auf Lastkraftwagen verfrachtet und ins Hinterland ausgesiedelt. Diese unmenschlichen Aktionen wurden zum Hohn der Betroffenen als Aktion "Ungeziefer" und "Kornblume" bezeichnet und sind nie gesühnt worden. Entschädigungsleistungen gibt es bis heute nicht.

Leben und Arbeiten im Grenzgebiet

Mit etwa 1km bis 5km war das Sperrgebiet wesentlich breiter als der Schutzstreifen. Die Einschränkungen des täglichen Lebens der hier Wohnenden waren nicht ganz so extrem wie im Schutzstreifen, so gab es auch ganz normale Tanzveranstaltungen bis spät in die Nacht. Auch den im Sperrgebiet Wohnenden wurde eine finanzielle Unterstützung zugebilligt. Besuche von Verwandten wurden genehmigt, Besuche von BRD - Verwandschaft hingegen grundsätzlich nicht.

Grenzgebiete, d.h., Schutzstreifen und Sperrgebiet galten als Militärisches Sperrgebiet.

  "Jeden Schritt vorwärts beim Aufbau des Sozialismus sichert die Partei
  der Arbeiterklasse mit den jeweils notwendigen militärischen Maßnahmen."

  (Zitat aus einer damaligen Propagandaschrift)

Bespitzelung der Bewohner und Grenzsoldaten

Der Bespitzelungsapparat der DDR - Behörden war gewaltig. Hatte sich einmal ein Dorfbewohner im Grenzgebiet negativ gegenüber Partei~ und Staatsführung geäußert oder einfach nur mal eben gegen die Grenze gemeckert, so wurde das sehr schnell der Stasi (Staatssicherheit) bekannt.

In den Sperrgebieten gab es unter der Zivilbevölkerung jede Menge freiwillige Grenzhelfer. Die haben sowohl mit den Grenztruppen als auch mit dem Abschnittsbevollmächtigten der Volkspolizei zusammengewirkt und so manchen Fluchtversuch vereitelt.

Ebenso wurden die an der Grenze dienenden Soldaten und Unteroffiziere ständig bespitzelt. Ich kann mich an einen Fall erinnern, da hatte ein Soldat im Ausgang leichtfertig gesagt "so, ich haue jetzt ab...". Obwohl der Soldat damit lediglich gemeint hat, dass er den Kanal voll hatte und nur ins Bett wollte, hatte diese Äußerung für ihne eine Reihe von schwierigen Gesprächen zur Folge.

Die Einheiten der Grenztruppen waren von Stasispitzeln durchsetzt die als Soldat im ganz normalen Dienstablauf eingegliedert waren, in Wirklichkeit jedoch einen höheren Dienstgrad begleiteten.

Minen an der Grenze

  "Geschaffen wurde diese Kampftechnik von den Werktätigen
  der sozialistischen Staatengemeinschaft, vornehmlich von den
  Ingenieuren, Technikern und Arbeitern der Sowjetunion."

  (Zitat aus einer damaligen Propagandaschrift)

Landminen (Infanterieminen)

Die Geschichte der innerdeutschen Grenze kennt verschiedene Minen, die zum Einsatz kamen. Berüchtigt und jahrzehntelang todbringend waren die Holzkastenminen welche anfänglich verlegt wurden. Massenweise wurden später Landminen vom Typ PMN verlegt.

Tretmine PMN

Die Minensperre bestand aus zwei Streckmetallzäunen, jeweils 2m hoch. Zwischen diesen Zäunen gab es zwei Reihen in denen die Tretminen lagen. Eine PMN - Mine hatte eine Sprengwirkung von 200g TNT - Äquivalent, die ausreichte einen Menschen zu töten oder zumindest zum Krüppel zu machen. PMN - Minen wurden bei Starkregen oft weggeschwemmt und fanden sich dann auch manchmal außerhalb der Minensperre was sehr gefährlich war. Es kam auch vor, dass Minen mit einem Bäumchen in die Höhe gewachsen sind. Oftmals wurden Wildtiere, namentlich Wildschweine Opfer von Minen.

SM 70

Die schrecklichste Tötungswaffe die an der Grenze verwendet wurde, war die Minensperre G 501 (so die Bezeichnung innerhalb der Grenztruppe), von westlicher Seite als Selbstschussanlage bezeichnet. Am Metallgitterzaun waren in zwei Reihen (Zaun mit 2m Höhe) oder in drei Reihen (Zaun mit 3m Höhe) übereinander diese Minen angebracht.

SM 70

Bei Auslösung einer SM 70 durchsiebten cirka 100 Stahlwürfel das Opfer - tödlich. Die Anlage G501 war gegenüber Witterungseinflüssen sehr empfindlich, bei starken Wind oder Gewitter gab es viele Fehlauslösungen. Der Knall war kilometerweit zu hören, daneben gabe es bei der Detonation einer SM 70 auch einen starken Blitz.

SM 70 am Metallgitterzaun

SM 70 - Schussapparat am Metallgitterzaun (Pressefoto).

  "Sie werden es in Ihrem ganzen Soldatenleben
  spüren:
  Es gibt in unserem Staat ein wirkliches
  Vertrauensverhältnis zwischen
  dem Volk und seiner Armee."

  (Zitat aus einer damaligen Propagandaschrift)

Einer der erbittertsten Gegner der innerdeutschen Grenze war Michael Gartenschläger (1944 - 1976). Ihm ist es 1976 gelungen, zwei der berüchtigten SM 70 abzubauen.

Minen, gleich welcher Art gerieten mit der Zeit außer Kontrolle. Tretminen wurden, wie bereits gesagt, ausgeschwemmt oder anderweitig verschleppt. In den Minensperren stellte sich ein reges Pflanzenwachstum ein und auch die Anlage G 501 blieb davon nicht verschont: Oft waren Pflanzenwachstum (Brombeersträucher) die Ursache für eine Fehlauslösung.


Anbieter: Rolf Rost, Am Stadtgraben 27, 55276 Oppenheim, Tel.: 06133 573 68 02, ePost: nmqrstx-18@yahoo.de, die Seite verwendet funktionsbedingt einen Session-Cookie.