UvD in der Nationalen Volksarmee, Grenztruppen der DDR

Der Anschiss lauert überall

Meinen Kameraden und den Einwohnern der Gemeinde Günterode gewidmet.

Unteroffizier vom Dienst

Ein undankbarer Job. Der Anschiss lauerte praktisch überall und war weder vorhersehbar noch berechenbar. Beispiel:

An einem schönen Frühlingsmorgen im Jahr 1976 hatte ich UvD (das Erstemal in meinem Leben) und mein Wachposten meldet mir, dass der Alte (Kompaniechef, KC) unterwegs ist. Voller Erwartung baute ich mich vor dem Hauptgebäude auf, mit dem Ziel, zu melden, dass es keine Vorkommnisse gab. Aber: Der Alte benutzte die Hintertür und ich bekam meinen ersten Anschiss, weil die Tür nicht abgeschlossen war. Zur Strafe musste ich in derselben Woche einen weiteren Dienst dieser Art schieben und bei dieser Gelegenheit schloss ich die Hintertür vorsorglich ab.

Höflich meldete ich dem KC 'keine Vorkommnisse', bekam jedoch wieder einen Anschiss wegen der abgeschlossenen Hintertür. Tja, da kannste nix machen, heute würden wir das als Mobbing bezeichnen, umso schlimmer, wenn der Chef der Mobber ist. Tatsächlich hat es unser damaliger Kompaniechef mit dem Mobbing übertrieben und so war er eines Tages weg vom Fenster. Es geschehen doch noch Zeichen und Wunder.

Bei alldem war es mitunter recht langweilig, UvD zu haben. So interessierte ich mich in solchen Zeiten für die Telefonanlage (Kleinzentrale MSN 70) und dachte darüber nach, wie ich das Teil so überlisten könnte, dass es auch möglich ist, ein Amt zu kriegen, etwa für ein Telefonat nach Hause. Eines Tages war es soweit: Ich rief den Schreiber zu mir, ein älterer Herr, der Frau und Kinder zuhause hatte und stellte ihm das Amt durch zum Apparat im Zimmer des Hauptfeldwebels. Er telefonierte dann auch gut zwei Stunden mit seinen Angehörigen, die sich natürlich sehr gefreut haben.

Alaaarm!!!

Für mich als UvD die höchste Form von Stress: Die Alarmgruppe (A-Gruppe) aus den Betten schmeißen, die Waffenkammer aufschließen und gleichzeitig am Telefon verfügbar sein. Nur zu dumm, dass es in der Waffenkammer kein Telefon gab und Handys kannte damals noch keiner, nicht einmal dem Namen nach. Also schön der Reihe nach und einmal musste ich auch noch das Tor selbst aufschließen, weil der Wachposten irgendwo gepennt hat. Draußen an der Grenze angekommen, stellte der A-Gruppenführer dann fest, dass er einen Soldaten zuviel an Bord hatte. Die ganze Geschichte ist zum Glück nie rausgekommen.

Ungeklärte Anrufe im Ministerium

Für mich als technisch Interessierter übte die TK-Anlage eine magische Anziehungskraft aus. So ließ ich gelegentlich auch mal ein paar Rote Telefone klingeln in Einheiten mit eher konspirativer Zweckbestimmung. Ein Nachrichtenoffizier aus dem Regiment hat mir jedoch irgendwann mal den Tipp gegeben, das sein zu lassen. Obwohl er es selbst sehr lustig fand.

30 Schuss mit der Kalaschnikow

Ich war mal wieder UvD und in der Waffenkammer mit der Rücknahme der Waffen beschäftigt, als es draußen krachte. Ein Zug kam gerade vom Grenzdienst zurück und normalerweise werden die MPis vor der Abgabe entladen. Dabei ist dem Einen wohl ein kleines Missgeschick passiert, bzw. demjenigen, der das Entladen der Kalaschnikow kontrollierte: Anstatt erst das Magazin rauszunehmen und dann ein leeres Patronenlager vorzuzeigen, ist Letzteres dem Soldaten zwar gelungen, aber das Magazin war noch eingesteckt. So landet zwangsläufig die erste Patrone im Lauf, wenn der Verschluss wieder nach vorn schnellt. Drei Sekunden später war das Magazin leergefeuert und 30 Kupferbolzen mit 715 m/s unterwegs in Richtung Abendhimmel. Zum Glück wurde niemand verletzt, aber der Schreck saß schon tief.

Der UvD trägt Verantwortung

Zum Beispiel dafür, dass die Reihenfolge: Erst Munition abgeben, Waffen reinigen, dann Waffen abgeben strikt eingehalten wird. War nicht weiter schwierig, dieser Verantwortung gerecht zu werden, niemand wollte, dass beim Waffenreinigen was Schlimmes passiert. Das damals benutzte Waffenöl war übrigens ein begehrter Zündstoff für den Badeofen. Nach dem Waffenreinigen war in der Regel Duschen angesagt und wer duscht schon gerne kalt.

Die Stuben in unserer Truppenunterkunft hatten Ofenheizung und das ganze Kompaniegebäude war eine Holzbaracke. Hier waren wegen der hohen Brandgefahr regelmäßige Kontrollgänge angesagt und der Bereitschaftsposten hat oft auch die Stuben vorgeheizt für die Zeit nach dem Grenzdienst. Leider konnte ich als UvD der Verantwortung, dass auf den Stuben nicht gesoffen wird, kaum gerecht werden. Hinter dem Hauptgebäude, etwas hangabwärts, gab es eine kleinere Baracke für den vierten Zug, weil in der Hauptbaracke einfach kein Platz war für eine ganze Kompanie.

Die Hintertür im Hauptgebäude spielte da schon eine wichtige Rolle und unser neuer Kompaniechef hat dann ein für Allemal festgelegt, dass genau diese Tür nicht abgeschlossen werden darf. Der neue KC war ja auch kein Mobber. Die kleine Baracke nannten wir D-Zug, eine sowohl gelungene als auch liebevolle Bezeichnung für ein kleines Gebäude, was aussah wie ein Waggon ohne Räder. Kein Wunder dass im D-Zug auch der sogenannte Heimgang geübt wurde: Tisch ans Fenster, Bierflasche drauf, zwei Stühle rechts und links und die 80er mussten draußen mit frischem Birkengrün vorbeiflitzen. Birken gabs genug und die leeren Flaschen durfte der Hauptfeldwebel im Konsum abgeben. Gegen Pfandgeld, versteht sich ;)

Bezüglich der Rückkehr von Ausgängern und Urlaubern hatte der UvD eine wichtige Verantwortung wahrzunehmen. Etwaige Zeitverzüge mussten sofort eskaliert und das Einschleusen geistiger Getränke verhindert werden.

36 Stunden Dienst

Solange dauerte ein UvD-Zyklus. Abgestimmt auf die Anforderungen der Grenzsicherung rund um die Uhr. An Schlaf war in dieser Zeit freilich nicht viel zu denken. Der UvD an einer Grenzkompanie hatte sich mit dem Bereitschaftsposten abzustimmen, was das Schlafen betrifft: Auf der Pritsche in der Dienststube. Meinen Bereitschaftsposten habe ich i.d.R. das Schlafen auf der Pritsche erspart, sie durften auf ihr Zimmer. Zum Dank dafür haben die mich alle mit Sie angeredet ;)

Eine Grenzverletzer-freie Schicht

Logisch: Ein UvD macht Innendienst. Möglicher Schusswaffengebrauch wegen Grenzverletzern also ausgeschlossen. Es sei denn, ein möglicher Grenzverletzer hätte einen Holzlattenzaun mit Streckmetall verwechselt. Tatsächlich brachte mal einer unserer Grenzaufklärer einen Grenzverletzer auf dem Sozius seiner MZ angeschleppt und rief mir (ich hatte mal wieder UvD) von Weitem zu, ich solle die Arrestzelle aufschließen. Der Begriff Arrestzelle sollte wohl Eindruck schinden, indes: Wir hatten gar keine Arrestzelle. So improvisierten wir und sperrten den armen Kerl in unser Fotolabor. Erst später erfuhr ich, dass mein geliebtes Fotolabor im Keller tatsächlich und ursprünglich als Arrestzelle bestimmt war.

Das Tragen der Waffe

Ein UvD trägt eine rote Armbinde mit fetten weißen Buchstaben: UvD. So sieht jeder gleich, wer diesen Dienst ausübt. Nur der Wachpsten am Eingangstor trägt eine geladene Kalaschnikow, alle anderen Waffen der diensthabenden Mannschaft stehen griffbereit in der UvD-Stube. Die Trillerpfeife ist ein wichtiges Instrument des UvD zum Ankündigen allgemeiner Anweisungen wie zum Beispiel das Wecken der ganzen Kompanie. Zum Auslösen von Gefechtsalarm gibt es einen Buzzer, Schalter neben der Tür im Dienstzimmer.

Die Waffenkammer

Nur zwei Personen durften die Waffenkammer öffnen: Der Waffen-Unteroffizier (genannt Waffinger) und der UvD. Der Schlüssel für die Waffenkammer befand sich in einem Kasten in der UvD-Stube. Nicht einmal der Kompaniechef (KC) durfte diesen Schlüssel eigenmächtig entnehmen, dem seine Kalaschnikow stand zwar auch in der Waffenkammer, aber ein KC trug eine Pistole vom Type Makarow ständig bei sich und nahm diese bei Dienstschluss mit nach Hause.

Fachkräftemangel

Darunter hat auch die Nationale Volksarmee bzw. die Grenztruppe gelitten. So wurden erfahrene Gefreite zum UvD vergattert oder als Gruppenführer eingesetzt. Da es auch nicht genügend Offiziere für die Position eines Zugführers gab, wurde diese Planstelle mit einem Unteroffizier (Uffz) besetzt. Nach einem halben Jahr in einer solchen Position konnte ein Uffz zum Ufw (Unterfeldwebel) befördert werden und es gab mehr Sold.

Unteroffizier vom Dienst!?

Ein Schlachtruf! Wenn der Alte oder der Spieß laut UvD brüllte, hieß es, Beine in die Hand nehmen und beim Stehen Hacken zusammen. Egal ob eine Elster auf den P3 (des Alten Dienstwagen) gekackt hatte, leere Schnapsflaschen irgendwo rumstanden, im Gemeinschaftsraum Westradio gehört wurde oder der Waschraum unter Wasser stand: Für alles war der UvD zuständig, so oder so.

Der UvD als Nachrichtenzentrale

Im Dienstzimmer des UvD liefen alle Nachrichten zusammen. Ein UvD hatte über alles Bescheid zu wissen, was sich in und um das Objekt gerade ereignet und hatte den übergeordneten Instanzen unverzüglich Bericht zu erstatten. In erster Linie dem Kompaniechef und dem Hauptfeldwebel (Spieß). So habe ich bereits damals die Erfahrung gemacht, dass Kommunikation sehr wichtig ist, dass es aber auch Dinge gab, die nicht jeder wissen muss.

Dienstfrei auf der Einheit

Besser gesagt: Außerhalb vom Objekt. Eine besondere Art des Freizeitvergnügens im Trainingsanzug anstelle der Ausgangsuniform. Hinter dem KFZ-Park wurde ein Zaunfeld herausgenommen und auf der grünen Wiese gab es Musik, Bier und Bratwurst. Zum Bierholen wurde nachmittags ein Ello (LO Kleinlastkraftwagen, Robur-Werke Zittau) nach Heiligenstadt beordert. Echte Fässer aus Eichenholz mit einem einfachen Zapfhahn. Nach Einbruch der Dunkelheit wurde an der Garagenwand ein Film vorgeführt. Nach einem gemeinsamen Fußballspiel waren auch Einwohner vom Ort eingeladen. Veranstaltungen dieser Art sind die schöneren Erinnerungen ;)

Zum Schluss

Aufgrund einer Sportverletzung war ich fast ein Vierteljahr lang UvD im Dauereinsatz.


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