Die DDR im Jahr 1989

Geschichte und Hintergründe zur Wende im Jahr 1989

Eines der bewegtesten Jahre meiner Zeit in der DDR war zweifelsohne das Jahr 1989. Es gab Wahlen im Mai deren Ergebnis offensichtlich gefäscht oder zumindest geschönt war, tausende DDR Bürger flüchteten sich in BRD-Bootschaften in Prag und in Ungarn, tausende DDR-Bürger flüchteten im Sommer über die Grenze von Ungarn nach Österreich, Tausende trafen sich in Kirchen um über diese und andere unhaltbare Zustände in der DDR zu diskutieren und Tausende gingen ab dem Herbst auf die Straße zum Demonstrieren.

Diese friedlichen Demonstrationen bewirkten schließlich den Fall der Mauer am 9. November 1989.

Lasst mich nun erzählen über diese Zeit, die das Leben der meisten Deutschen grundlegend verändert hat...

Leben in der DDR

Nach dem Beenden meines Militärdienstes im Herbst 1978 las ich das Buch Unterwegs (Originaltitel: On The Road) von Jack Kerouac und ich träumte von den Weiten Amerikas. Die Abenteuer der Romanhelden haben mich zutiefst beeindruckt und ich spielte, wie auch einigemale vor dieser Zeit, mit dem Gedanken die DDR zu verlassen.

Indes, der Alltag hatte mich sehr schnell auch wieder, ich begann ein Studium in Chemnitz, dem damaligen Karl-Marx-Stadt und mit ein bischen Glück bekam ich auch eine kleine Wohnung, was die Voraussetzung dafür war, dass meine liebe Freundin, sie ist heute meine Frau, zu mir nach Chemnitz ziehen konnte.

Nach dem Studium bekam ich zunächst eine Job in Jena an der Friedrich-Schiller-Universität, es war ein sehr schöner Job, aber es gab absolut keinen Weg, in Jena eine Wohnung zu kriegen-und so ging ich im Herbst 1983 mit meiner Familie, inzwischen waren wir auch zu dritt, nach Erfurt, weil an der Arbeitsstelle eine Wohnung hing.

Erfurt war damals, wie viele andere Städte in der DDR auch, eine sehr schmutzige Stadt, alles war total heruntergewirtschaftet, die Luft zum Atmen äußerst schlecht wegen der Öfen die mit Braunkohle befeuert wurden, von der restlichen Umweltverschmutzung (Zweitakter-Fahrzeuge...) einmal ganz zu schweigen.

Genauso wie sich die Verhältnisse in den Städten zeigten (nicht ganz so krass die Dörfer), sa es in den Kaufhallen aus: Milchbeutel schwammen in einer Dreckbrühe in Containern, die Gemüsestände waren voll mit Verwelktem und es stank nach verfaulten Kartoffeln. An einem Freitagnachmittag ein frisches Brot zu kriegen war nicht möglich und ich erinnere mich, dass ich einmal vor Pfingsten ein paar Ortschaften außerhalb von Erfurt anfahren musste, um ein paar Flaschen Wasser zu kriegen.

Unsere Urlaube verbrachten wir bis auf zwei Ausnahmen in der Nachsaison in halb zerfallenen Bungalows im Thüringer Wald. Die zwei Ausnahmen waren Fereienplätze in Ferienheimen des FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund-welch Hohn spricht allein aus dieser Namensgebung).

Die Situation zum Urlaub, keine Reisefreiheit und die miserable Versorgungslage stand natürlich im Gegensatz zu der Tatsache, dass ich im Dreischichtbetrieb meinen Job machte-und so stellte ich zusammen mit meiner Frau im Herbst des Jahres 1986 den Antrag auf ständige Ausreise aus der DDR, kurz Ausreiseantrag.

Als Begründung gab ich damals an, dass wir unseren Urlaub auch gerne einmal in Südfrankreich oder in den Alpen verbringen möchten.

Der Sommer 1989

Ein paar Jahre voller Hoffnung vergingen, es kam der Sommer 1989 und nicht abreißende Berichte über flüchtige DDR-Bürger. Fast jeden Abend hockten wir vorm Fernseher und sahen Kennzeichen D.

In der Erfurter Michaeliskirche (Universitätskirche) war jeden Mittwoch Treffpunktzeit: Ausreisewillige wie wir trafen sich dort, um einmal offen und ehrlich über Alles diskutieren zu können. Dass es damals jedoch nicht immer ganz ehrlich zuging, war uns auch klar: Die Versammlungen waren auf jeden Fall von Stasi-Mitarbeitern unterwandert.

Eines der Treffen fand im Hof der Michaeliskirche statt. Linksstehendes Foto zeigt diesen Hof, das Bild machte ich am 30. September 2006 an einem Wochenendausflug nach Erfurt.

Nachdem Ungarn die Grenze nach dem Westen geöffnet hatte, waren es jedoch nicht mehr nur die Ausreisewilligen, die sich in der Kirche trafen. Ich erinnere mich an eine Versammlung, da war die Michaeliskirche so richtig gerammeltevoll. Die Disziplin war vorbildlich, stets war es mucksmäuschenstill, wenn sich jemand zum Wort meldete. Eine Woche später gab es auch in Erfurt die ersten Demonstrationen, donnerstags.

Zum Feierabend verabredeten wir uns unter Kollegen zur DEMO-und das in einer Zeit, wo einige Kollegen bereits über Ungarn abgehauen sind.

Einem Großteil der DDR-Bevölkerung war es im Spätsommer 1989 klar, dass es so nicht weitergehen kann. Hans-Dietrich Genscher verkündete in der Prager Botschaft die Erlaubnis zur Ausreise für fast 7.000 DDR-Bürger, die sich als Flüchtlinge in der Botschaft befanden.

Der Herbst und der 9. November

Nach den blutigen Ereignissen in China auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Sommer des Jahres, gab es für uns schon ein paar Gründe zur Besorgnis, die sich darin bestätigt fanden, dass eine am 7. Oktober durchgeführte friedliche Demonstration gegen die Militärparade zum Jahrestag der Gründung der DDR, gewaltsam aufgelöst wurde.

Aufgrund der Überstürzung der Ereignisse, u.a. traten der Ministerrat und das Politbüro der DDR Anfang November geschlossen zurück, habe ich die Meldung Schabowski's am Abend des 9. November gar nicht richtig ernstgenommen, wohl aber gehört: Er sagte irgendetwas über Reisefreiheit und darüber, dass an jeder Grenzübergangsstelle ein jeder DDR-Bürger ständig ausreisen könne.

Wie auch sollte ich die Äußerungen eines DDR-Politikers ernst nehmen, von dem ich wusste, dass er zu einer Bande gehörte, die kurz zuvor zurückgetreten ist um sich der Verantwortung zu entziehen!?

Am darauffolgenden Tag, es war ein Freitag, hatte ich frei und hörte den NDR. Was da berichtet wurde, war für mich unglaublich, auf jeden Fall versuchte ich, herauszubekommen, ob für die Ausreise ein Visum erforderlich ist oder nicht. Nach einigem Hin und Her, es war so gegen Mittag, sagte ich zu meiner Frau, die bis dahin unterwegs war: Komm, lasst uns nach dem Westen fahren!

Wir erstanden zwei Kanister für Reserve-Kraftstoff, der Tank eines Trabi fasste nur knapp 30 Liter. Vollgetankt und ab zum Kindergarten-unseren Sohn abholen. Die Erzieherin, eine sehr nette Frau, fragte uns noch, ob wir nun unsere Ausreise bekommen haben. Aber auch sie konnte an dem Tag nicht glauben, dass die Grenzen seit dem Vorabend für alle offen sind.

Auf jeden Fall fuhren wir am Nachmittag des 10. November dann los nach der kleinen Stadt Eisfeld im südlichen Thüringen. Von dort aus ist es nicht mehr weit nach dem Westen und wir vereinbarten mit meinem Schwager, welcher derzeit in Eisfeld wohnte, dass wir dort übernachten dürfen.

Nachdem wir die Frage unseres Nachtquartiers geklärt hatten fuhren wir durch Eisfeld in Richtung Grenze. Es war schon ein beklemmendes Gefühl: Erwartet uns dort die Festnahme oder die Ausreise? Schließlich standen ja alle Warnschilder noch da... Nun, erleichtert sahen wir viele viele Andere, die sich mit denselben Zielen an diesem Ort eingefunden hatten. Also rein in die Queue und brav angestanden, so wie es sich für einen DDR-Bürger gehört ;-)

Nach etwa vier Stunden Stau in eisiger Kälte war es dann soweit. Wir standen in der Kontrollbaracke der Grenzer am Schalter, bekamen ein Visum und durften 15 Ostmark gegen 15 Westmark umtauschen. Etwa zur gleichen Zeit kam ein entnervter Offizier der Grenztruppen herein und verkündete, dass ab sofort nun keiner mehr kontrolliert (Visum) würde, alle können nun ohne Visum durchfahren, also ohne Stempel. Auch zum Umtauschen der 15 DMark (auf diesen Betrag war der Umtausch seitens der DDR begrenzt) sei die Meldestelle für den 'heutigen' Tag geschlossen.

Tja, was soll ich sagen, am Abend des 10. November 1989 standen wir auf dem Marktplatz von Coburg, wir sahen eine Stadt wie wir sie aus dem Fernsehen kannten. Die Straßen entlang der Ortschaften des Lautertals waren gesäumt von Menschenmassen, viele hatten sich an diesem Abend eingefunden um die Trabifahrer in der Freiheit zu begrüßen-Ich danke Euch heute noch ihr Lieben!

Was mir damals so aufgefallen ist: Unser Trabi war plötzlich so ruhig, nachdem wir die Grenze passiert hatten. Es lag am Straßenbau wie sich herausstellte.

Spätabends fuhren wir zurück in den Osten nach Eisfeld-mit einem Bündel Bananen und einer Flasche türkischen Rotwein im Gepäck. Der Versuch, am Samstag noch einmal nach Coburg zu fahren scheiterte an einem Verkehrschaos. Es war für mich nicht weiter dramatisch, denn: Die Grenzen sind ja nun offen...

Die Zeit nach der Grenzöffnung-Freiheit grenzenlos

Allgemein gebräuchlich ist der Begriff Wende für den 9. November 1989. Das ist jedoch eine sehr schlecht gewählte Bezeichnung. Erinnern wir uns: Im Spätherbst 1989 sind das Politbüro und der Ministerrat zurückgetreten. Durch eine tiefe wirtschaftliche Krise und die Massenflucht nach dem Westen war eine Situation entstanden mit der die Staatsmacht der DDR nicht mehr zurechtkam. Glasnost und Perestroika in der damaligen UdSSR führten unter Gorbatschow dazu, dass das Marionettenregime im Osten Deutschlands nicht mehr unterstützt wurde. Die DDR wurde sozusagen aufgegeben.

Neben der lang ersehnten Reisefreiheit erfüllten sich mit der Wiedervereinigung Deutschlands auch ein paar andere lang gehegte Wünsche: Nach der Klärung der Eigentumsverhältnisse an Immobilien kam endlich mal ein bischen Farbe ins Spiel, alte Häuser wurden neu verputzt und angestrichen; infolge der Anwendung neuer Technologien in Industrie und Verkehr ging die Umweltverschmutzung zurück: Blühende Landschaften sind entstanden. Die Ilm in Thüringen war beispielsweise so stark verschmutzt, dass die Wasseramsel fast ausgestorben war. Nur wenige Jahre nachdem einige Dreckschleudern dichtgemacht wurden, kam auch die Wasseramsel an die Ilm zurück.

Entgegen unserem Vorhaben Ausreise blieben wir in Erfurt, ich hatte einen Job der mir Spaß gemacht hat und außerdem verdiente ich ganz gut wegen der Schichtzuschläge. Meine Frau schneiderte Kindersachen, die wir dann auf Wochenmärkten, die es plötzlich auch überall gab, verkauften.

Es war eine sehr schöne Zeit, es ging vorwärts und wir machten nun Urlaub in Frankreich, in Österreich, in Italien und in der Schweiz. Und unser Erfurt wurde von Tag zu Tag immer ansehnlicher.

In der DDR seit Jahren geschlossene Gastlichkeiten machten wieder auf und Tischkarten der Art An diesem Tisch wird nicht bedient gehörten der Vergangenheit an.

Für uns als Erfurter gipfelte der kulturelle Aufschwung in der Jahrfeier 1250 Jahre Erfurt. Meine Frau hatte eine ABM-Stelle im Organisationsbüro bekommen und ich bekam einen ehrenamtlichen Job als Darsteller des Apothekers Trommsdorff (1770-1837) im Festumzug zur Jahresfeier. Somit hatten wir die Möglichkeit, an diesem Feiertag aktiv mitzuwirken-es war ein großartiges Erlebnis und eine der schönsten Erfahrungen die wir in userem Leben machen konnten.

Aber das Ende des Aufschwung Ost ließ nicht lange auf sich warten, es kam mit dem Wahlergebnis von 1998.

Wie sollte ich das verstehen? Es waren gerade Helmut Kohls herzliche und auch eher persönlich gemeinten, in die Zukunft weisenden Worte, angesichts des vor ihm liegenden Trümmerhaufens DDR, Blühende Landschaften..., die mir damals sehr viel Mut gemacht haben im Osten zu bleiben.

Ich erinnere mich daran, dass Kohl diesen Satz Blühende Landschaften... damals auf dem erfurter Domplatz gar nicht richtig zuende sprechen konnte, er wurde von der dummen Masse ausgepfiffen.

Unsere Ausreise nach dem Westen im Jahr 2000

Es gehört zu meinen bittersten Erfahrungen, damalige Damen und Herren bei denen wir unseren Ausreiseantrag abgegeben haben, als Beamte im Arbeitsamt Erfurt wiederzutreffen, auch wenn ich von der Arbeitslosigkeit nur kurzzeitig betroffen war.

Aber nicht nur im Arbeitsamt, auch in vielen Unternehmen und anderen öffentlichen Bereichen etablierten sich die alten Seilschaften wieder, auch in der Wohnungsverwaltungsgesellschaft die für unsere Wohnung zuständig war.

Aus bis heute für mich unerklärlichen Gründen (wahrscheinlich Neid) begannen plötzlich unsere Nachbarn gegen uns zu stänkern und was das Schlimme daran war-die Wohnungsverwaltung stand auch noch hinter denen!

Der Druck war so heftig, dass wir 1999 innerhalb von Erfurt in eine andere Wohnung umziehen mussten, was uns damals viel Geld und mir selbst einen Großteil meiner Gesundheit gekostet hat.

Ein Jahr später, wir wohnten schon nicht mehr in Erfurt, gewannen wir den Prozess, den wir gegen den Vermieter angestrengt hatten wegen Mietwucher. Wir bekamen einige Tausend DM zurück und gewannen dann auch noch einen zweiten Prozess gegen den anderen Vermieter: Dieser Schweinehund wollte uns die Kaution nicht zurückzahlen.

Kurze Zeit nach unserem Umzug am 1. September 2000 von Erfurt nach einer Kleinstadt unweit von Karlsruhe ging es mir gesundheitlich schon viel besser. Mein Job macht mir Spaß, derzeit entwickle ich Webanwendungen mit Datenbankanbindung und an den Wochenenden sind wir als Wahlbadener hin und hergerissen zwischen dem Schwabenland und der Pfalz.

Ein damals über Ungarn geflüchteter Kollege von mir wohnt seit 1989 im Stuttgarter Raum, wir trafen uns erst kürzlich. Faszinierend war es, und wahrscheinlich so wie ein Fünfer im Lotto, bei einer Wanderung im Pfälzer Wald einen ehemaligen Kollegen von Erfurt wiederzutreffen, der schon vor 1989 die Erlaubnis zur Ausreise bekam. Dem Wiedersehen folgten ein sehr langes Telefonat und Notizen zu weiteren Telefonnummern, hinter denen sich wiederum einzelne Schicksale verbergen, Schicksale wie sie die Teilung Deutschlands bis in die heutige Zeit hervorgebracht hat und wahrscheinlich auch weiterhin hervorbringen wird...

Dafür sind wir 1989 nicht auf die Straße gegangen

... und andere ähnliche Schlagzeilen lese ich in letzter Zeit öfters. In der Regel werden unter solchen Meldungen, die ausschließlich aus der linken Ecke (PDS u.a.) kommen, Themen wie die hohe Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern polemisiert.

Der Leser derartiger Schlagzeilen und anderer Ossi-Wessi-Sprüche kann jedoch beruhigt sein: Diejenigen, die daran interessiert sind, sowas zu verbreiten, sind 1989 tatsächlich nicht auf die Straße gegangen. Es sind vielmehr genau diejenigen, die bereits zu DDR-Zeiten dafür verantwortlich waren, dass es soviele Ausreiseanträge gab und es sind genau diejenigen, die auch heute dafür verantwortlich sind, dass es wirtschaftlich und sozial zwischen Ost und West keine Annäherung geben wird und die Abwanderung namentlich junger Leute in Richtung Westen anhält.

Sie schaffen es immer wieder, dass Grundsatzurteile zu Verbrechern des DDR-Regimes ausgesprochen werden, in denen festgestellt wird, dass ein heute geltendes Recht (Grundgesetz von 1949) nicht gegen die Verbrecher von damals angewandt werden kann und fordern gleichzeitig eine Rehabilitierung von rechtmäßig (Grundgesetz von 1949) verurteilten DDR-Schergen. Das ist, unter Berufung auf einunddasselbe Grundgesetz, mehr als peinlich und weniger Ironie als Perversion.

Denn sie lügen heute noch.


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